Full text: Bildungspolitik im Saarland

teil zurecht als ein einziges großes Stipendiensystem bezeichnete6, so stand da nicht nur 
der energische Wille zu einem Wandel in der gesellschaftlichen Herkunft des akademi¬ 
schen Nachwuchses Pate, sondern auch die Überlegung, die für die Universität des Saar¬ 
landes existenznotwendigen Studentenzahlen durch ein gesteigertes Interesse breiterer 
Bevölkerungskreise an einem akademischen Studium zu gewinnen. Der Erfolg der Begab¬ 
tenförderung belegt die Statistik. Von den 1 117 Studenten der Saarbrücker Universität 
im Studienjahr 1950/51 kamen rund 700 aus Arbeiter- und Bauernfamilien. Der hier 
sichtbar werdende Strukturwandel einer Studentenschaft ist sicherlich als bemerkens¬ 
wertes Faktum in die bildungspolitische Leistungsbilanz des Saarlandes nach 1945 einzu¬ 
ordnen. Sein Ausmaß erkennt man erst recht, wenn man die Studentenstatistik von Saar¬ 
brücken mit derjenigen von Heidelberg vergleicht. An dieser traditionsreichen Universität 
waren im Wintersemester 1949/50 4 363 Studenten eingeschrieben. Von diesen kamen 
nur rund 200 aus dem Arbeitermilieu7. Tatsächlich ist die „kleinbürgerliche“ Prägung der 
Saarbrücker Studentenschaft von Anfang an ein Charakteristikum der neuen Universität 
gewesen8 und zweifelsohne deswegen ein bemerkenswerter bildungspolitischer Reform¬ 
erfolg, weil er ohne Abstriche am überlieferten Leistungsprinzip des Gymnasiums als vor¬ 
bereitende Anstalt auf akademische Bildungslaufbahnen erreicht wurde. 
Diese Aktiva einer ökonomisch und reformistisch begründeten Bildungspolitik standen 
jedoch, ebenso wie die Forderung Grohs nach einer Vervollständigung des Bildungs¬ 
systems um der saarländischen Autonomie willen, in einem gewissen Gegensatz zu der von 
ihm propagierten europäischen Zielrichtung der neuen Universität, da eine solche Inten¬ 
tion wohl kaum dominierend von lokalen Interessen bestimmt sein durfte, sondern vor¬ 
rangig von der Suche nach Verständigung durch ein weltoffen organisiertes und geprägtes 
Universitätsleben. Bis zum Jahre 1955 ist es, wie später noch nachzuweisen sein wird, der 
saarländischen Bildungspolitik nicht gelungen, die Saaruniversität aus der nur schwer zu 
überbrückenden Diskrepanz zwischen saarländischer Interessenlage und europäischer 
Dimension herauszuführen. Schon in seiner Rundfunkrede vom Dezember 1950 konnte 
Groh im Zusammenhang mit den Staatsprüfungen dem bald aufkommenden Zwiespalt 
in der saarländischen Hochschulpolitik kaum ausweichen, als er davon sprach, daß die 
zum Staatsdienst gleich welcher Art berechtigenden Examina nur an der saarländischen 
Hochschule abzulegen seien. Wir sind bereit, so Groh weiter, für die Einheit des europäi¬ 
schen Bildungssystems jedes Opfer zu bringen, glauben aber nicht, daß die Vereinheitli¬ 
chung sich jemals auf die Staatsexamina erstrecken wird9. Die sich hier im Zusammen¬ 
hang mit der Universitätsgeschichte erneut ankündigende Gratwanderung der saarländi- 
6 Manuskript, siehe Anm. 1 auf S. 208. 
Nach Angaben von Groh in seiner Rundfunkrede vom 16. 12. 1950 (Quellennachweis in Anm. 
1 auf S. 208) in Verbindung mit dem Statistischen Handbuch (Saarland 1952), S. 217. 
* Nach einer statistischen Mitteilung der Universität des Saarlandes vom 12. 12. 1955 kamen im 
Studienjahr 1955/56 von den 1 749 eingeschriebenen Studenten 217 Studierende aus Arbeiterfa¬ 
milien und 399 aus Familien, deren Väter zur Kategorie der mittleren Einkommensempfänger 
(oberste Grenze: Kaufmännischer Angestellter) zu rechnen ist. Das entsprach einem Prozentsatz 
von 35,2 % (217 + 399 = 616/1 749). Dieser Wert hebt sich von den Angaben Grohs erheblich 
ab und zwar deswegen, weil in der Statistik des Jahres 1955 keine Angaben über Studenten aus 
der bäuerlichen Welt ausgewiesen sind. In der Bundesrepublik betrug der Anteil der Studenten 
aus Arbeiterfamilien Mitte der 50er Jahre nur 4,4 %. LA Saarbrücken, Bestand KM, Abt. Hoch¬ 
schulen, UIS Bibliothek. 
4 Zitiert nach der Rundfunkrede Grohs vom 16.12.1950 (Quellennachweis in Anm. 1 auf S. 208). 
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