Full text: Bildungspolitik im Saarland

zuvor Meyer, der mit dem Amtsantritt Singers am 23.12.1952 seine Position als Direktor 
der Kultusbehörde wieder aufgeben mußte. 
Die personalpolitischen Bewegungen im Kultusministerium haben die Schulpolitik an der 
Saar ebensowenig aus ihrer Stagnation herausführen können wie das ministerielle Inter¬ 
mezzo durch Franz Singer, die fast lethargisch anmutende Ruhe an der Bildungsfront 
wurde aus politischem Antrieb heraus nicht mehr gefährdet. Wenn die Schule dennoch in 
den Sog der nun bald beginnenden Auseinandersetzungen um das Schicksal der Saar ge¬ 
zogen wurde, so lag das daran, daß die saarländische Bildungspolitik der Jahre nach 1951 
trotz oder gerade wegen des Übergangs vom politisch gestaltenden zum eher passiven Ver¬ 
waltungsprinzip mit den Hypotheken aus den Tagen von Straus belastet blieb. Zentral¬ 
abitur, französischer Sprachunterricht, französische Schulen blieben ungeachtet einiger 
Veränderungen und Modifikationen Themen der nationalen Opposition innerhalb und 
außerhalb des Saarlandes. Sie boten genügend Angriffsflächen, um die separatistische Po¬ 
litik der Hoffmanns und der Kirns zu attackieren. Damit zeigt sich auch auf dem Sektor 
der Bildung das Jahr 1951 als Zäsur in der Politik des Saarlandes nach 1945. Wenn auch 
der Abgang von Straus unter dem Gesichtspunkt einer personalpolitischen Konsequenz 
gesehen werden muß, so signalisierte seine Demission dennoch ebensosehr einen Wandel 
des politischen Klimas. Im Zuge dieses Übergangs zu neuen Handlungsbedingungen, 
deren Hintergründe später noch zu analysieren sein werden, gelang es der saarländischen 
Politik zwar, Terrain in ihren Beziehungen zu Frankreich zu gewinnen, sie mußte aber 
gleichzeitig und dafür liefert die Bildungspolitik der Jahre 1951 bis 1955 genügend Hin¬ 
weise, in der Gestaltung ihrer eigenen Lebensbereiche zunehmend eine Wendung vom 
Agieren zum Reagieren hinnehmen, weil den Saarländern ihre nationale Schicksalsfrage 
immer bewußter wurde. Dieses Gedrängtwerden in die Defensive deutete sich selbst in der 
Entwicklung der Universität an, obwohl gerade diese Institution, deren Entstehungsge¬ 
schichte ja bereits bekannt ist357, zu den bemerkenswertesten Leistungen saarländischer 
Bildungspolitik der Jahre bis 1955 zu zählen ist. Die nationale Opposition an der Saar und 
in der Bundesrepublik glaubte nämlich gerade in ihr das gefährlichste Instrument einer 
französisch gesteuerten Kulturaktion zu erkennen, die allein im Dienst einer angestrebten 
geistigen Verklammerung der Saar mit Frankreich stände. Die Fortschreibung der Univer¬ 
sitätsgeschichte, die im folgenden Hauptkapitel ansteht, wird darum nicht nur im Sinne 
ihres materiellen und geistigen Aufbaus vorgenommen werden können, sondern auch 
unter dem Zeichen des Wandels ihrer inneren Strukturen sowie der Hintergründe, die sie 
bewirkten. Im Universitätsleben taucht auch der Name Emil Straus wieder auf, allerdings 
nur in der Rolle eines Mitgliedes des Verwaltungsrates. Seine politische Karriere setzte 
Straus als Vertreter des Saarlandes in Paris fort, zu dem er am 28.4. 1951 ernannt wurde. 
Am 1.2.1952 erfolgte dann seine offizielle Ernennung in den Rang eines Gesandten. Die 
Berufung von Straus war übrigens nicht unumstritten. Insbesondere die SPS opponierte 
gegen ihn mit dem polemischen Argument, daß ein französischer Staatsbürger wohl kaum 
die Interessen der Saar in Paris hinreichend vertreten könne. Straus blieb auf dem einzigen 
diplomatischen Dienstposten des Saarlandes im Ausland, der vereinbart und eingerichtet 
worden war, um den staatlichen Charakter des Saarlandes zu stärken, bis zum 12. 11. 
1955. Seiner Abberufung folgte schließlich seine Versetzung als 56jähriger in den Ruhe¬ 
stand. 
357 Siehe oben, S. 114 ff. 
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