Full text: Bildungspolitik im Saarland

gründet wurde die Forderung nach meiner Demission hauptsächlich mit dem Hinweis, 
daß ich ein gestörtes Verhältnis zur Lehrerschaft hättet. Unerwartet kam die Entlassung 
von Straus freilich nicht. Angekündigt hatte sie sich bereits mit der Stellungnahme des 
Kulturpolitischen Beirats der CVP zum Zentralabitur, die am 6. März veröffentlicht 
worden war. ln ihr wurde, ganz im Sinne Hoffmanns, eine Revision der Reifeprüfung ge¬ 
fordert. Noch aufreizender als dieses Papier selbst war für Straus der Kommentar in der 
von Hoffmann herausgegebenen Saarländischen Volkszeitung zur Willensäußerung des 
CVP-Organs. Es kam schon einer Desavouierung des amtierenden Kultusministers gleich, 
wenn dort über seinen Kopf hinweg angekündigt wurde: Es ist anzunehmen, daß die Ver¬ 
wirklichung der aufgestellten Forderungen (des Kulturpolitischen Beirats zum Zentral¬ 
abitur) schon bis zur nächsten Reifeprüfung erfolgt™9. 
Wie Straus heute selbst einräumt, spielten bei seiner Entlassung aber auch die bereits an¬ 
gesprochenen differenten Standorte zwischen ihm und Hoffmann über den politischen 
Kurs der Saar eine wichtige Rolle, die insbesondere mit Blick auf die Zusammenarbeit mit 
Frankreich und die europäische Zukunft spürbar waren. Während Herr Hoffmann, so 
Straus im Jahre 1976, nach 1950 in einer stärkeren Annäherung an die Bundesrepublik 
Deutschland eine unumgängliche Bedingung für eine auf Dauer erfolgreiche saarländi¬ 
sche Politik im Rahmen einer europäischen Ordnung erblickte, konnte ich diesen Zwang 
nicht einsehen. In der Bildungspolitik, so Straus weiter, wollte Hoffmann seine Ruhe 
haben. Er wollte einfach nicht wahrhaben, daß eine anspruchsvolle Bildungspolitik im In¬ 
teresse unserer Zukunft als autonome Saar einfach notwendig war348 350 *. Tatsächlich suchte 
Hoffmann, wohl auch, weil er die kommenden stürmischen Zeiten der Auseinanderset¬ 
zungen um die Saar erahnte, die bildungspolitische Entwicklung seines Landes vorrangig 
von der Prämisse eines funktionierenden Bildungssystems aus zu gestalten. Die Gefähr¬ 
dung der innenpolitischen Stabilität durch Hektik und Unruhe an der Bildungsfront 
wollte er unbedingt vermeiden. Straus dagegen wollte und suchte ehrgeizig bildungspoli¬ 
tische Dynamik im Interesse eines anspruchsvollen Bildungssystems und seiner Indienst¬ 
stellung für eine eigenstaatliche Saar, eine für ihn absolute Zielsetzung, für die er ebenso 
französischen Beistand erhoffte wie er auch die dadurch bewirkte erhöhte Abhängigkeit 
von Frankreich akzeptierte. In Kontext mit diesem Urteil steht die von dem früheren 
Leiter der Präsidialkanzlei, Franz Schlehofer, gemachte Aussage, daß Straus in seiner 
Suche nach Verwirklichung einer christlich geprägten Erziehung im Sinne der überlie¬ 
ferten Ziele des Zentrums mit Hoffmann zwar kongruent war, daß er sich aber mit seiner 
Sympathie für die gaullistische Vorstellung eines Frankreich als Kernland eines abendlän¬ 
disch-christlichen Europas klar von Hoffmann distanzierte, da Hoffmann nach 1945 na¬ 
tionalstaatliche Wertkategorien für überholt hielt351. Bestätigt wird das Urteil auch durch 
die Äußerung Woelfflins, daß Herr Straus als Saarländer im Grunde „nationalistischer“ 
war als irgendein französischer Nationalist. Er nahm das Kulturabkommen viel ernster 
als wir, für uns war das Kulturabkommen nicht die Bibel352. 
348 Interview E. Straus vom 4. 10. 1976. 
349 Saarländische Volkszeitung vom 17. 3. 1951. 
350 Interview E. Straus vom 4. 10. 1976. 
3il Interview F. Schlehofer vom 11.3. 1976. 
352 Interview P, Woelfflin vom 27. 11. 1976. 
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