Full text: Bildungspolitik im Saarland

nett mit der Frage des Zentralabiturs beschäftigen mußte. Hier verteidigte Straus sich mit 
dem Argument, daß nur das Zentralabitur dazu geeignet erscheint, nachzuprüfen, in wel¬ 
chem Maße die Kandidaten ein von ihnen erworbenes Wissen zu einer bestimmten Stunde 
in anderer Umgebung und unter gegebenenfalls anders formulierten Anforderungen be¬ 
reit halten und sinnvoll verwenden können. Straus räumte zwar ein, daß auch das gegen¬ 
wärtige Prüfungssystem Vor- und Nachteile habe, dennoch habe es sich durchaus be¬ 
währt339. Aus den kritischen Anmerkungen Hectors in einem Schreiben an Hoffmann ist 
zu entnehmen, daß man schon im Jahre 1948 die Begründungen von Straus zum Thema 
Zentralabitur als nicht für zufriedenstellend hielt. Wenn man, so Hector, das französische 
Prüfungssystem eingeführt hat, ist es meines Erachtens notwendig, den Kandidaten auch 
die Möglichkeit zu geben, sich im gleichen Jahr den Examen ein zweites Mal zu stellen, 
um so ein vielleicht zufälliges Versagen auszugleichen340. 
Obgleich sich das Kultusministerium im Jahre 1949 in der Frage des Zentralabiturs etwas 
geschmeidiger zeigte, indem es unterrichtliche Ratschläge zur Verbesserung der Prüfungs¬ 
aussichten und eine gewisse Lockerung der doch sehr rigiden Prüfungsbestimmungen ak¬ 
zeptierte341 342, ebbte die Protestwelle nicht ab. Sie erreichte im Jahre 1950 sogar einen neuen 
Höhepunkt. So berichtete der Leiter des Informationsamtes, Albert Dorscheid, in einer 
vertraulichen Mitteilung an Hoffmann unter ausdrücklicher Bezugnahme auf die umstrit¬ 
tenen Verfahrensmechanismen des Zentralabiturs von einer unerhörten Erbitterung 
weiter Bevölkerungskreise. Gleichzeitig spricht er von der Besorgnis, daß die CVP bei den 
nächsten Wahlen eine erhebliche Einbuße erleiden könnte, sofern Herr Minister Dr. 
Straus im Amte bleibe3,42. Dieses Alarmzeichen mag erheblich dazu beigetragen haben, 
daß die Frage des Zentralabiturs kurz nach den Terminen der Reifeprüfung des Jahres 
1950 zu einer scharfen Auseinandersetzung zwischen Hoffmann und Straus Anlaß gab. 
Ausgangspunkt der Kontroverse war ein Schreiben Hoffmanns an Straus vom 13. Juli, in 
dem er, ausgehend von ihm zugespielten Nachrichten über eine bevorstehende Zurück¬ 
nahme der seit 1949 eingeräumten Möglichkeit von Nachprüfungen, Straus mehr oder 
weniger vorwarf, daß er mit der ungeprüften Übernahme französischer Prüfungsprak¬ 
tiken und ihrer staatsdirigistischen Eigenarten die Bewährungsqualifikationen im gymna¬ 
sialen Schulwesen des Saarlandes in unzumutbarer Weise gesteigert habe; denn, so Hoff¬ 
mann, an der Saar erfolgt das „Sieben“ bereits bei den einzelnen Versetzungen, was in 
Frankreich nicht der Fall ist, ... Dort ist die Durchschnittsziffer für die Versetzung 8343, 
während sie bei uns über 10 liegen muß. Mit Nachdruck forderte Hoffmann dann von 
Straus die Anweisung für das Nachabitur, ...da die Angelegenheit schon Staub genug auf¬ 
gewirbelt hat344. 
339 Zitiert nach der gleichen Quelle wie die in Anm. 337 auf S. 202 angegeben. 
340 Hector an Hoffmann vom 3.7.1948. LA Saarbrücken, Bestand der Staatskanzlei, Akten des Di¬ 
rektors der Präsidialkanzlei, (V) E 3b. 
341 Vgl. dazu das Rundschreiben des Kultusministeriums - V/E III - AII 20 — an die Direktoren der 
Höheren Schulen im Saarland vom 5.1.1949. LA Saarbrücken, Bestand Staatliches Mädchenre¬ 
algymnasium St. Wendel Nr. 24. 
342 Vertrauliches Informationsschreiben Dorscheids an Hoffmann vom 22. 4. 1950. LA Saar¬ 
brücken, Bestand der Staatskanzlei, Akten des Ministerpräsidenten Nr. 299. 
343 Bezogen auf das von Frankreich übernommene 20-Noten-System. 
344 Schreiben Hoffmanns an Straus vom 13.7.1950. Privatakten E. Straus. Wiedergegeben im Quel¬ 
lenanhang (Anlage 12). 
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