Full text: Bildungspolitik im Saarland

Gymnasiums kaum zum Tragen kamen334. Überdies zeigte sich die Philologenschaft be¬ 
sorgt darüber, daß in den Sexten mit zwei Fremdsprachen begonnen werden mußte. Diese 
Pflicht bedeutete nämlich eine unbotmäßige Überbürdung der jungen Gymnasiasten, daß 
selbst das Ministerium im Jahre 1951 Einsicht zeigte und eine Reduzierung der zu bewäl¬ 
tigenden Stoffmenge im Lateinischen und Französischen erlaubte335. 
6.6 Die Auseinandersetzung zwischen Hoffmann und Straus 
um die Praxis des Zentralabiturs 
An der im Laufe der Jahre wachsenden Entfremdung zwischen Straus und der Philologen¬ 
schaft hat der Französischunterricht eigentlich nur geringen Anteil gehabt. Für die in 
dieser Beziehung auftretenden Gegensätze war in erster Linie das Zentralabitur verant¬ 
wortlich, das in seiner bedrückenden Kontrollwirkung auf das Schulleben der Gymnasien 
und in seinem aus bildungspolitischen und bildungsökonomischen Gründen gesuchten 
Ausleseeffekt oben schon angesprochen wurde336. Da sowohl Lehrer als auch Schüler hier 
den machtbürokratischen Anspruch von Straus zu spüren bekamen und erzieherische Be¬ 
weggründe weit weniger als beim Französischunterricht ins Feld geführt werden konnten, 
drängte diese Konfrontation viel eher und vor allem heftiger in eine breitere Öffentlich¬ 
keit. 
Das von Straus als absolut extraskolär bezeichnete und im Sinne des französischen Con¬ 
cours-Systems337 wirkende Prinzip zentraler Abiturprüfungen geriet erstmals im Jahre 
1948 in das Schußfeld einer vornehmlich von Philologenschaft, Schülern und Eltern getra¬ 
genen Kritik. Ziel der Angriffe war dabei vor allem die anonyme, d. h., die schulische Mit¬ 
wirkung völlig ignorierende und allein in Regie der Kultusbehörde durchgeführte Prü¬ 
fungspraxis. Die Liste der Vorwürfe und Beschwerden, die in diesem Zusammenhang ge¬ 
macht wurden, war lang. Sie reichte von der als provozierend empfundenen Mißachtung 
der schulischen Erziehungs- und Beurteilungskompetenz über die als fragwürdig attak- 
kierte Bestimmung, daß alle ausgewählten schriftlichen Prüfungsaufgaben mit Ausnahme 
der Fächer Latein und Mathematik für alle gymnasialen Schultypen einheitlich durch das 
Kultusministerium gestellt und alle Arbeiten im Aufträge dieser Behörde ohne Beteiligung 
der Schulen korrigiert würden, bis hin zu der von Straus geduldeten Taktlosigkeit, die 
Namen der nicht zur mündlichen Reifeprüfung zugelassenen Schüler durch die Presse ver¬ 
öffentlichen zu lassen338. Der Sturm der Entrüstung war so stark, daß sich bald das Kabi- 
334 Vgl. hierzu das Rundschreiben des Kultusministeriums an die Höheren Schulen des Saarlandes 
vom 1. 10. 1951. Danach wurden alle gymnasialen Französischlehrer verpflichtet, auf den fran¬ 
zösischen Unterricht der Volksschule aufzubauen; denn es wäre sündhaft, wenn das dort Er¬ 
lernte und Erworbene ungenützt verkümmern müßte. LA Saarbrücken, Bestand Staatliches 
Mädchenrealgymnasium St. Wendel Nr. 23. 
335 Rundschreiben des Kultusministeriums — V/E III — A II 23 — vom 4. 7. 1951. LA Saarbrücken, 
Bestand Staatliches Mädchenrealgymnasium St. Wendel Nr. 14. Schon am 19.2. 1951 hatte es 
in einem Rundschreiben geheißen, daß nach Informationen des Kultusministeriums 80 v. H. aller 
Sextaner Nachhilfestunden erhielten. LA Saarbrücken, Bestand Staatliches Mädchenrealgymna¬ 
sium St. Wendel Nr. 23. 
336 Siehe oben, S. 110 ff. und S. 174 f. 
337 Zitiert nach Ausführungen von Straus in seinem Schreiben an Staatssekretär Hector vom 29. 6. 
1948. LA Saarbrücken, Bestand der Staatskanzlei, Akten des Direktors der Präsidialkanzlei, (V) 
E 3b. 
338 Vgl. dazu ein Beschwerdeschreiben von vier Erziehungsberechtigten des Mädchengymnasiums 
von Saarlouis an das saarländische Kultusministerium vom 12. 6. 1948. LA Saarbrücken, Be¬ 
stand der Staatskanzlei, Akten des Direktors der Präsidialkanzlei, (V) E 3b. 
202
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.