Full text: Bildungspolitik im Saarland

Frankreich praktizierte, weil ihm nach seiner Auffassung keine andere Wahl blieb235, 
suchte Straus sie, ähnlich wie der spätere Innenminister Hector, aus Sympathie, d. h. kon¬ 
kret, Straus wollte ein „zweites Luxemburg“, um der französischen Politik gefällig zu 
sein. Hoffmann und noch entschiedener die Gruppe um Koßmann blieben dagegen stets 
regionalistisch orientiert, die französische Politik interessierte sie vorrangig des Saar¬ 
landes wegen und kaum um Frankreichs willen. Von da aus setzten Hoffmann und Straus 
auch unterschiedliche Akzente in der Europapolitik. So sah Hoffmann im Wandel vom 
nationalen zum regionalen Denken eine entscheidende Voraussetzung für das Erreichen 
des Einigungsziels; Straus dagegen operierte, darüber können auch seine ständigen Mah¬ 
nungen vor den Gefahren des chauvinistischen Nationalismus nicht hinwegtäuschen, 
eher im Geist des patriotischen Prinzips wie es bis in die sechziger Jahre vom Gaullismus 
vertreten worden ist. Wenn Grandval im Jahre 1954 anläßlich der Verleihung eines fran¬ 
zösischen Verdienstordens an Straus in seinem Ankündigungsschreiben die Anrede Mon¬ 
sieur le Ministre et cher Ami wählte und den Dank seines Landes damit begründete, daß 
es einen Mann zu ehren gelte, der unablässig les liens d’amitié geknüpft habe, qui unissent 
nos deux pays und der fut l’un des principaux artisans de l’accord culturel franco-saa- 
rois236, wenn ferner der europaskeptische Michel Debré in einem Antwortschreiben an 
Straus im Jahre 1957 versicherte, daß beide pendant dix ans parallèlement travaillé pour 
la même cause, celle d’une Sarre libre und wenn er gleichzeitig durchblicken ließ, daß er 
über die Entwicklung an der Saar nach 1955 ebenso verbittert sei wie Straus237, dann 
kommt hier der Zuspruch an einen saarländischen Politiker zum Ausdruck, der in seiner 
separatistisch-partikularistischen Grundhaltung im allgemeinen und mit seiner Bildungs¬ 
politik im besonderen den außenpolitischen Kalkülen Frankreichs in der Saarfrage stets 
zuverlässig entgegengekommen ist. 
Inwieweit hat der von profranzösischen Motiven getragene Wille von Straus im Zeichen 
der Prämisse einer staatlichen Sonderexistenz des Saarlandes nun auf die saarländische 
Bildungspolitik eingewirkt? Diese Frage steht wegen der sie unmittelbar tangierenden Se¬ 
parationsproblematik natürlich in Gefahr, durch ein Vorurteil generell negativ beant¬ 
wortet zu werden. Analysiert man sie jedoch unvoreingenommen vom Standpunkt des 
von Straus verfolgten Ziels, die potentiellen Bildungskräfte der saarländischen Gesell¬ 
schaft um einer gedeihlichen und dauerhaften Zukunft des Saarstaates willen zu sammeln 
und zu stärken, so wird das Urteil darüber keineswegs immer ungünstig ausfallen dürfen. 
Wenngleich auch nicht bestritten werden soll, daß der bildungspolitische Ehrgeiz von 
Straus und sicherlich noch mehr die ihn tragende Motivation für manche Turbulenz und 
eine Menge an Dissonanzen verantwortlich war, so zeigten bereits die statistischen 
Zahlen des Saarlandes über das allgemein- und berufsbildende Schulwesen an, daß die bil¬ 
dungspolitische Entwicklung insgesamt durchaus positiv zu werten ist, vor allem dann, 
wenn man vielleicht notwendige Reformen nicht erwägt. Das Bild einer günstigen Bilanz 
verstärkt sich sogar erheblich, wenn man das in den Nachkriegsjahren aufblühende staat¬ 
liche Fachhochschulwesen an der Saar hinreichend würdigt. Es entstanden bekanntlich 
235 Vgl. J. Hoffmann, Ziel, S. 66 ff. 
236 Schreiben Grandvals an Straus vom 28. 7. 1954. Privatakten E. Straus. 
237 Schreiben Debres an Straus vom 14. 1. 1957. Privatakten E. Straus. 
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