Korrekturen überlieferter Bildungsstrukturen im Interesse einer sozial gerechteren Erfül¬
lung von Bildungsansprüchen drängen. Das Potsdamer Abkommen begnügte sich hierzu
mit einigen verbalen Randbemerkungen, wobei es, der optimistischen pädagogischen
Linie der Amerikaner folgend, in allgemeiner Form den inneren Zusammenhang zwi¬
schen demokratisch-rechtsstaatlichen Lebensformen und schulischer Chancengerechtig¬
keit für alle betonte. Der Alliierte Kontrollrat nahm erst im Jahre 1947, wiederum auf eine
amerikanische Initiative hin, mit seiner Direktive Nr. 54 zum „demokratischen“ Bil¬
dungsauftrag der deutschen Schule Stellung, ohne allerdings die Zielsetzung eines bil¬
dungspolitischen Programms für die Praxis näher zu konkretisieren198. Es ist bekannt¬
em Blick auf die Schulartikel der zeitlich vor der Direktive entstandenen Länderverfas¬
sungen genügt hierzu —, daß die offiziellen schulpolitischen Anregungen der Siegermächte
nur partiell mit dem schulpolitischen Gestaltungswillen der deutschen Länderregie¬
rungen in den Westzonen übereinstimmten. Der Grad der Kongruenz hing weitgehend
davon ab, inwieweit diese wiederum auf schulpolitische Reformansätze in der Weimarer
Republik zurückgriffen. Aber schon in diesem Zeitabschnitt deutscher Bildungsge¬
schichte war, wie in der Direktive 54 auch, das Demokratische in seinem Wert für das öf¬
fentliche Schulleben unbestimmt geblieben, weil sich die weltanschaulich gedeuteten Po¬
sitionen hinsichtlich des Bildungsauftrags der Schule als unüberbrückbar erwiesen. Be¬
kenntnisschule, das gegliederte Schulsystem in seiner Bevorzugung bürgerlicher Gesell¬
schaftsschichten, das Verhältnis von manueller und intellektueller Bildung, die Interde¬
pendenz von schulischem und gesellschaftlichem Wandel, Richtlinien, Lehrerbildung
usw. waren Themen, die nach 1945 ebenso leidenschaftlich diskutiert wurden wie in der
Weimarer Republik. Ein gewichtiger Ausgangspunkt blieb dabei, wie in Weimar auch, die
zentrale Forderung nach Demokratisierung. Obwohl das Saarland seit Februar 1946
nicht mehr der Hoheitsgewalt des Alliierten Kontrollrates unterstellt war, soll im fol¬
genden dennoch der Frage nachgegangen werden, welche Wirkung die Forderung der
westlichen Siegermächte nach mehr Demokratisierung auf das Schulwesen an der Saar ge¬
habt hat.
Im Januar 1946 erschien in der profranzösischen Neuen Saarbrücker Zeitung eine schul¬
politische Stellungnahme, die aus der Feder des kommenden Dezernenten für das höhere
Schulwesen in der Schulabteilung des Regierungspräsidiums, Hugo Burghardt,
stammte199. In ihr wurde, um den Nazismus und Militarismus mit ihren reaktionären
Wurzeln und Ablegern auszurotten, eine grundlegende Demokratisierung des gesamten
Schulwesens gefordert. Zur Erreichung dieses Ziels schlug Burghardt eine gründliche Re¬
form der Lehrerbildung vor, da der gegenwärtige Mangel an geeigneten Lehrkräften ... die
Eingliederung von zahlreichen antifaschistischen (!) -demokratischen Lehrern notwendig
198 Die wichtigsten Allgemeinforderungen der Direktive Nr. 54 vom 25. Juni 1947 waren: gerechte
Bildungschancen für alle, Schulgeld- und Lernmittelfreiheit, Erziehungsbeihilfen, Vollzeitschul¬
pflicht von 6 bis 15 Jahren, anschließend Teilzeitschulpflicht bis 18, integriert strukturierte Voll¬
zeitschulen, demokratische Erziehung als tragendes Unterrichtsprinzip, allgemeiner Fremdspra¬
chenunterricht, Universitätsstudium für alle Lehrer. Die Quelle ist abgedruckt bei K. -E. Bun¬
genstab, S. 184 f. (Anhang Nr. 11, Basis Principles for Democratization of Education in Ger-
many: Control Council Direktive No 54, June 25,1947). In deutscher Übersetzung bei J. H o h 1 -
feld (Hrsg.), S. 247 f (Dok. 32).
199 Neue Saarbrücker Zeitung vom 19. 1. 1946. Zur Geschichte, französischen Einflußnahme und
zum Charakter dieses Blattes, das den Zusatz „Neue“ nur vorübergehend annahm, E.Schäfer.
Der Verfasser war von 1957 bis 1968 Geschäftsführer der Saarbrücker Zeitung.
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