Full text: Beiträge zur Geschichte der frühneuzeitlichen Garnisons- und Festungsstadt

politischen Zweck und Nutzen der ihnen übertragenen amtlichen Aufgaben gewesen 
ist61, sondern sein nach Fontenelle von einer „passion presque imprudente pour la 
verité“ geschärftes Bewußtsein der Verantwortung für das „bonum commune“62, für 
das Schicksal der von ihm bereits als „une et indivisible“ und als der eigentliche Sou¬ 
verän angesehenen Nation, nicht freilich Souverän im Sinne der Konzentration und 
Ausübung von Macht, sondern als eine durch Geschichte, Interessen und Gefühl 
verbundene Gemeinschaft, der jeder, auch der König, mit allen Kräften zu dienen 
habe. Mit dieser Berufs- und Staatsauffassung stand Vauban dem aufgeklärten Abso¬ 
lutismus näher als dem ludovizischen Staatsgedanken63. Ferner war er seiner Zeit 
insofern voraus, als er sich, trotz gelegentlich geäußerten Stolzes auf seine adlige 
Herkunft, mit den Wertvorstellungen des Adels im Barockzeitalter kaum identifiziert 
hat, ganz eindeutig jedoch mit Kategorien bürgerlicher Lebensauffassung wie Lei¬ 
stung, Verdienst, ökonomisches Kalkül, technische Effizienz und nicht zuletzt auch 
mit der, zumal in seiner Forderung allgemeiner Verteidigungs- und Steuerpflicht 
konkretisierten Idee der „égalité“, im Sinne freilich nur, neben der Beseitigung aller 
Exemtionen und der Egalisierung der Rechtsordnung, des gleichen Anspruchs aller 
Untertanen auf Achtung ihrer Menschenwürde und auf Anerkennung von Verdiensten 
für den Staat. 
Während Saint-Simon meinte, allein die Männer der hohen Aristokratie seien ,,nés 
pour commander“, erklärte Vauban: Les bommes naissant tous roturiers. II n’y a que 
leurs actions qui les anoblissent64. Dabei dachte er an Services essentiels rettdus ä 
l’Etat und forderte demgemäß, wie nach ihm Saint-Pierre in seiner „Polysynodie“, 
eine noblesse par le mérite, in ihrem strukturellen Aufbau orientiert an der Ämter¬ 
hierarchie in Armee und Verwaltung65. 
Vaubans Verständnis für die unveräußerlichen Rechte und die Interessen der Masse 
kleiner Leute auf dem Lande und in den Städten wie auch der gemeinen Soldaten, 
angeregt und gefördert an erster Stelle durch den bei der Erfüllung seiner Amtspflich¬ 
ten als Festungsbaumeister unvermeidlichen engen Kontakt mit den sozialen Unter¬ 
schichten in allen Grenz- und Küstenprovinzen Frankreichs, durch die intime Kenntnis 
ihrer Notlage und Beschwerden, kann als schlechthin vorbildlich gelten, demgemäß 
auch sein fundiertes Urteil über die Schwächen der Sozialordnung und des absoluten 
Systems im Frankreich Ludwigs XIV., unmißverständlich ausgesprochen und erläutert 
in manchen Abschnitten der Dime Royale, zuvor bereits in einem 1701 an den König 
gerichteten Brief, in dem er vor den étincelles de révoltes warnte, vor einer disposition 
certainement dangereuse in weiten Kreisen des Volkes, die um jeden Preis eine Verän¬ 
61 Vauban I, S. 615. 
62 Fontenelle I, S. 103 
63 Dazu Rebelliau, S. 378. 
64 Projets de Gouvernement du Duc de Bourgogne, Mémoire attribué au Duc de Saint-Simon, 
publ. par M. P. Mesnard, Paris 1960, S. 42. Vauban I, S. 325 f., 645. Mit ähnlichen Argu¬ 
menten begründete er seine Forderung, bewährte Unteroffiziere und gemeine Soldaten zu Offi¬ 
zieren zu befördern. — Schon Ranke glaubte bei Vauban eine Affinität zu der Idee der „égali¬ 
té“ zu erkennen und generell den Willen zu „Neuerungen“, die die politischen Auseinander¬ 
setzungen im Vorfeld der Revolution bestimmen sollten. Er bezeichnete ihn als Repräsentan¬ 
ten einer „populären Theorie“ (Leopold v. Ranke, Französische Geschichte vornehmlich im 
XVI. und XVII. Jahrhundert, hg. von O. Vossler, Stuttgart 1954, 16. Buch, S. 98, 100). 
65 Saint-Pierre, Discours sur la Polysynodie, Amsterdam 1719; vgl. Rebelliau, S. 364. 
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