Full text: Beiträge zur Geschichte der frühneuzeitlichen Garnisons- und Festungsstadt

Forderungen zur Auswahl, Ausbildung und Beförderung der Offiziere sowie zur 
Bewaffnung, Ausrüstung, Verpflegung und Besoldung der Armee einschließlich der 
Versorgung der Invaliden und eines Systems sozialer Hilfen für Angehörige von Solda¬ 
ten. Weiter rühmte man ihn als „Klassiker der Kriegskunst“ verweisend dabei vor¬ 
nehmlich auf die als Dienstanweisung für Festungsbaumeister und -kommandanten 
gedachte Schrift Le Directeur général des Fortifications, den Traité de l’attaque et de 
la défense des places und auch den Mémoire concernant la caprerie, eine nach der 
Katastrophe von La Hogue, d. h. der nachhaltigen Schwächung der französischen 
Hochseeflotte vorgelegte politisch-strategische Lagebeurteilung, die ihn zu der in modi¬ 
fizierter Form von Ludwig XIV. nach Utrecht in seinen „letzten Instruktionen“ über¬ 
nommenen Einsicht kommen ließ, daß nicht der Kaiser und die deutschen Fürsten, 
sondern die Seemächte die véritables ennemis Frankreichs seien, weshalb der Krieg 
nicht durch Erfolge auf dem Kontinent, sondern allein mit einer Intensivierung des 
Kaperkrieges d. h. mit einer nachhaltigen Störung des Kolonialhandels Hollands und 
Englands als der ökonomischen Grundlage ihrer militärischen und politischen Macht¬ 
stellung, zu einem günstigen Ende gebracht werden könne51. 
Ferner bewährte sich Vauban als Zivilingenieur, als Wegbereiter der modernen Sta¬ 
tistik — zumal mit der Dénombrement des peuples, fonds de terre, bois et bestiaux de 
l’élection de Vezelay und einem für statistische Erhebungen entwickelten Fragebogen, 
genutzt auch bei der 1697 zur Unterrichtung des Duc de Bourgogne angeordneten, 
erstmals alle Généralités Frankreichs abdeckenden Volks- und Betriebszählung52 —, 
als Kolonialpolitiker, Bevölkerungspolitiker, Verkehrspolitiker und Außenpolitiker, 
und zwar letzteres mit der Untersuchung Intérêt présent des Etats de la Chrétienté von 
1700 und dem Projet de paix assez raisonable von 1706, wo er, in entschiedener 
Ablehnung der Idee der Universalmonarchie und dynastischer Interessen als Maximal¬ 
ziel einer dem „commun sens“ verpflichteten französischen Politik die bornes naturel¬ 
les bezeichnete, anzustreben zudem nur selon le temps et les occasions und par les 
voies légitimes d. h. gleichsam à la Richelieu aus der Defensive heraus und erst nach 
einer optimalen rechtlichen und diplomatischen Absicherung, und nicht, wie wieder¬ 
holt praktiziert von Ludwig XIV., in Mißachtung des internationalen Rechts unter 
Androhung und Einsatz brutaler Gewalt53. Weiter bewährte er sich als Wirtschafts¬ 
und Sozialpolitiker mit der eine Rationalisierung der Steuerverfassung, eine Steigerung 
der Staatseinnahmen und zugleich die Behebung der Notlage des menu peuple inten¬ 
dierenden, von Parent treffend als „utopie réaliste et féconde“ bezeichneten „Dîme 
Royale54 und schließlich als Protagonist religiöser Toleranz und der Freiheit des 
Gewissens mit seinem Mémoire pour le rappel des huguenots, motiviert zu dieser 
51 Vauban I, S. 454—461 (seine Denkschrift über den Kaperkrieg). Dazu vom Vf., Vaubans 
Gedanken über den Seekrieg, in: Marine-Rundschau, 1959, S. 78 ff. Bereits im Holländischen 
Krieg hat Vauban eine Intensivierung des Kaperkrieges anstatt des von Colbert betriebenen 
Baus einer starken Hochseeflotte [fortes escadres) gefordert. Vgl. Vauban II, S. 125 ff., 167, 
214 sowie Rebelliau, S. 88, 105, 204. 
52 Wichtige Beiträge Vaubans zur Statistik und Demographie s. Vauban I, S. 589 ff., 626 f., II, 
S. 271. Vgl. Rebelliau, S. 401. 
53 Hierzu die Denkschriften Intérêt présent des Etats de la Chrétienté von 1700 (Vauban I, 
S. 490 ff.) und Projet de paix assez raisonable von 1706 (Vauban I, S. 497 ff.) sowie Vaubans 
Briefwechsel mit dem Marquis de Puyzieulx (Vauban, Lettres intimes). 
54 Parent, S. 264. 
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