Full text: Beiträge zur Geschichte der frühneuzeitlichen Garnisons- und Festungsstadt

nen gibt oder noch nicht. Auch die bei den Bürgern einquartierten Soldaten bilden 
eine Garnison. Umgekehrt muß aber nicht jede Garnisonsstadt eine Festungsstadt 
sein; es gibt eine Reihe von Garnisonsstädten, sei es mit Kasernen oder mit Bürger¬ 
quartieren für die Truppen, die keine bastionäre Befestigung haben, als nächstgelege¬ 
nes Beispiel denke ich an Pirmasens, unter Landgraf Ludwig IX. von Hessen-Darm- 
stadt. Lassen Sie mich eine Definition versuchen: Die Festungsstadt der frühen Neu¬ 
zeit ist eine modern, im bastionären oder polygonalen System befestigte Stadt, deren 
Hauptfunktion in der Landesverteidigung liegt und deren Festungsanlagen und Garni¬ 
son vom Landesherrn unterhalten werden. 
Edith En nen, Bonn: Das ist eine sehr klare Definition, sehr viel enger gefaßt als 
meine eigne, aber dafür um so klarer. Damit engen wir allerdings den Kreis der 
Festungsstädte energisch ein. 
Wolfgang Petter, Freiburg: Ich möchte zu der Bemerkung Stellung nehmen, daß 
die Festung ein Element der Landesverteidigung ist. Die Auswahl der Themen dieser 
Tagung wurde begrenzt auf zwei Typen der Festung, nämlich die Barrierefestung und 
die Igelfestung. Man muß aber eine weitere Funktion einbeziehen, die nicht allein auf 
die Landesverteidigung abzielt, gerade in der frühen Neuzeit. Zwischen dem Dreißig¬ 
jährigen Krieg und der Französischen Revolution haben wir auch den Typ der Etap¬ 
penfestung, der ganz entscheidend verbunden ist mit der Methode der Kriegsführung 
überhaupt, der Kriegführung des fürstlichen Absolutismus; Militärhistoriker sprechen 
von der Zeit der Manöverstrategie. Damit ist ein weiterer, ein etwas paradoxer 
Aspekt des Festungswesens angesprochen, nämlich die humanitäre Rolle der Festung. 
Nach den furchtbaren Verwüstungen des Dreißigjährigen Krieges bezweckte die 
Manöverstrategie, wie man sagte, die „Zähmung der Bellona“, um den Krieg zu 
humanisieren, Kampfhandlungen zu reduzieren, die Bevölkerung zum Teil auch aus 
merkantilistischen Erwägungen zu schonen. Man entwickelte die Methode der Krieg¬ 
führung, sich gegenseitig möglichst wenig Schlachten zu liefern, den Gegner in aus¬ 
sichtslose Positionen zu manövrieren und sich auf dieser Basis dann gütlich zu einigen. 
Dabei kam den Festungen eine ganz entscheidende Bedeutung zu; sie stellten die 
Depots dar, von denen aus man die Operationen entwickelte. Man kennt etwa das 
preußische Fünftagesystem, das besagte, daß die Armee lediglich fünf Tagesmärsche 
vom nächsten Depot entfernt sein durfte, um ihre Verpflegung noch fassen zu können. 
Erst die Französische Revolution, der Volkskrieg, bringt Requisition und Ausplünde¬ 
rung als Operationsgrundlage zurück und beendet die „humane“ Phase der Kriegfüh- 
rung. 
Edith Ennen, Bonn: Ich darf an den Fall Mannheim erinnern. Die Idee des Grafen 
Solms, von dieser Festung aus die spanische Nachschubstraße unter Druck zu setzen, 
hatte mit der Landesverteidigung wirklich nichts zu tun. Bonn würde Herr Herrmann 
also nicht als Festungsstadt gelten lassen. 
Hans-Walter Herrmann, Saarbrücken: Meinen Versuch einer Begriffsbestimmung 
möchte ich aufgrund des Einwandes von Herrn Petter dahin abändern, daß ich den 
Nebensatz „deren Hauptfunktion in der Landesverteidigung liegt“ ersetze durch „mit 
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