Full text: Beiträge zur Geschichte der frühneuzeitlichen Garnisons- und Festungsstadt

kein so großer Unterschied bestand. Die Art der Finanzierung entsprach den jeweili¬ 
gen staatlichen Voraussetzungen. Der Staat ist der Initiator der ganzen Anlagen; und 
das ist meiner Ansicht nach das zweite wichtige Element, das unseren Untersuchungs¬ 
komplex vom Mittelalter klar abhebt. Zwar spielten dabei auch die Stände eine Rolle 
— von der Bedeutung der Magnaten in Ungarn haben wir gehört —, von Land zu 
Land gibt es gewisse Differenzierungen, aber die entscheidende Rolle spielt doch der 
moderne Staat mit seinem stehenden Berufsheer, das dann auch die Garnison bildet, 
und mit der mehr oder weniger gut entwickelten Administration und dem entspre¬ 
chenden Finanzwesen. Natürlich fassen wir den Charakter der frühneuzeitlichen Fe¬ 
stungsstadt, dieser bastionären Festungsstadt, am klarsten in den Neugründungen, 
aber ich würde doch an die Seite dieser Neugründungen die alten Städte stellen, die 
sich nun solche Festungen zulegen; hier sehe ich keinen wesentlichen Unterschied. 
Sicher, wir haben Festungsstädte und wir haben bloße Festungen. Rheinfels ist keine 
Festungsstadt. Der Fall Ungarn bekommt eine besondere Note dadurch, daß das 
ungarische Städtewesen zumindest in der Donauebene — von Siebenbürgen wurde ja 
bewußt abgesehen — sich vom Städtewesen Mitteleuropas deutlich unterscheidet. 
Darauf ist m. E. zurückzuführen, daß hier Festungen und keine Festungsstädte ge¬ 
gründet wurden und entstanden. Für die Definition sollten wir als klare begriffliche 
Note also festhalten: Die vom Staat initiierte Festung, die der neuen Kriegsweise in 
jeder Weise entspricht. — Daß die Erforschung der demographischen Auswirkungen 
gerade in deutschen Publikationen noch sehr ergänzungsbedürftig ist, steht außer 
Zweifel. Was die Quellenkunde anbelangt, gibt es doch einige Hilfsmittel. Schwierig¬ 
keiten bereitet die Auswertung: Wer die frühneuzeitlichen Festungsstädte quellenmä¬ 
ßig untersuchen will, der muß nicht nur mit geschriebenen Quellen umgehen können, 
mit Akten, sondern auch mit Karten und Plänen, wie man überhaupt, um eine Fe¬ 
stungsstadt voll zu verstehen, nahezu ein Mathematiker sein muß. Die interdisziplinä¬ 
ren Fähigkeiten der Historiker werden hier manchmal stark strapaziert. 
Hans-Walter Herrmann, Saarbrücken: Ich möchte mich auf die erste Frage be¬ 
schränken, die Herr Fehn angeschnitten hat, die Herausarbeitung des Stadttyps. Wenn 
wir uns in der wissenschaftlichen Diskussion einmal auf eine Definition des Begriffes 
„Festungsstadt“ geeinigt haben, dann werden wir auch die Frage angehen können, für 
welche Räume dieser Typ gilt. Was die Charakterisierung der „Festungsstadt“ als 
eines eigenen Stadttyps angeht, stimme ich nicht ganz mit Frau Ennen überein. Ich 
meine zwar auch, ein sehr wichtiges Merkmal sei der Bau der Befestigung, vielleicht 
sogar der Bau der Stadt selbst, durch den Landesherrn. Es ist nicht mehr die Stadtge¬ 
meinde, die für die Befestigung aufkommt und sie trägt, sondern der Landesherr, der 
Staat, unter Einschluß der Stände in dem einen oder anderen Sonderfall. Aber nicht 
jede Stadt, die im 16. oder 17. Jh. nach mathematischen Regeln im bastionären Sy¬ 
stem oder im polygonalen System befestigt wurde, ist für mich eine Festungsstadt. Ich 
möchte unterscheiden zwischen einer „Festungsstadt“ und einer „bastionär befestig¬ 
ten Stadt“. Das wichtigste Merkmal liegt für mich in der Funktion. Es gibt multifunk¬ 
tionale Städte, die Festungsstadt, Garnisonsstadt, Residenzstadt, Universitätsstadt und 
Bischofsstadt in einem sind. Als „Festungsstadt“ möchte ich den Stadttyp ansprechen, 
bei dem die Hauptfunktion die Verteidigung des Landes ist, verbunden mit einer 
Garnison. Jede Festungsstadt ist eine Garnisonsstadt, ganz gleich, ob es schon Kaser¬ 
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