Full text: Beiträge zur Geschichte der frühneuzeitlichen Garnisons- und Festungsstadt

der Geschichte der frühneuzeitlichen Garnisons- und Festungsstadt beschäftigt; in den 
französischen Vorträgen ist von ville des garnisons, ville forteresse und ville fortifiée 
gesprochen worden. Ich meine, wir sollten uns darüber klar werden, was wir eigent¬ 
lich unter Festungsstadt im engeren Sinn verstehen wollen. Ist es die mehrmals vorge¬ 
führte Vaubanstadt, eine Neugründung, die von Anfang an als Festungsstadt gegrün¬ 
det wurde und bei der die Festungseigenschaft eindeutig im Vordergrund gestanden 
hat? Daneben sind andere Formen angesprochen worden wie etwa für Ungarn die 
Festung ohne städtischen Charakter oder die Festungen, in denen sich nur Militär 
befindet — ich denke z. B. an die Wülzburg bei Weißenburg. Schließlich ist hier auch 
über befestigte Städte diskutiert worden, die als Städte verschiedensten Typs bereits 
bestanden haben, dann aber mit mehr oder minder umfangreichen Festungsanlagen 
versehen worden sind. — Genauso wichtig wie das Definitionsproblem erscheint mir 
die Frage, für welchen Zeitraum dieser Stadttyp — nehmen wir einmal an, es gibt 
diesen Typ — überhaupt Gültigkeit hat. Wir sprechen hier von Frühneuzeit, aber in 
den einzelnen Vorträgen sind verschiedene Zeiträume behandelt worden, einmal die 
Zeit Vaubans, dann die Zeit von der Mitte des 17. Jahrhunderts bis zur Mitte des 18. 
Jahrhunderts. War dieser Typ der Festungsstadt als ausgeformter Stadttyp nur eine 
bestimmte Zeit vorhanden, um dann ohne große Veränderungen wieder zu ver¬ 
schwinden? Gab es lange Anlaufzeiten bereits im Spätmittelalter und nachher eine 
Auslaufzeit, in der dieser Typ allmählich seine Bedeutung verlor? — Schließlich, für 
welchen räumlichen Bereich soll dieser Typ gelten? Die frühen Wurzeln in Italien sind 
zwar angesprochen worden, aber wir haben uns hier hauptsächlich mit dem franzö¬ 
sisch-deutschen Grenzraum beschäftigt und dann einen Sprung gemacht nach Ungarn; 
in der Diskussion ist auch von Polen die Rede gewesen. Gibt es so etwas wie einen 
gemeinsamen europäischen Festungstyp, oder muß man das Phänomen eingrenzen auf 
einen mitteleuropäischen oder westmitteleuropäischen Typ? Stellt die Elbe in diesem 
Zusammenhang eine Grenzlinie dar? — Was mich weiterhin in starkem Maße interes¬ 
siert, ist die Frage, ob dieser Typ sozusagen auf dem Reißbrett entstanden ist, ausge¬ 
hend von einer allgemeinen Idee, und so auch ohne Rücksicht auf Verluste verwirk¬ 
licht wurde. Oder hat man sich bereits bei der Planung bzw. bei der Ausführung an 
die örtlichen und regionalen Verhältnisse angepaßt, hat einfach der Zwang der Ver¬ 
hältnisse nach einer bestimmten Zeit zur Anpassung an die regionalen und lokalen 
Bedingungen geführt, wobei es dann zu teilweise sehr verschiedenartigen Entwicklun¬ 
gen gekommen ist. — In diesem Zusammenhang würden mich als Vertreter der histo¬ 
rischen Geographie besonders die Auswirkungen dieser Festungsstädte im engeren 
Sinne, z. B. der Vaubanstädte, auf das Siedlungsnetz, auf die Verkehrslinien, auf die 
Kulturlandschaft, auf die funktionalen Bereiche wie Verwaltungsgliederung, kirchliche 
Organisation, kulturelles Leben, Wirtschafts- und Gesellschaftssystem interessieren. 
Mehrmals angesprochen und zum großen Teil auch beantwortet wurde die Frage der 
Ausbildung der inneren Verhältnisse dieser neuen Gründungen, die Frage des Verhält¬ 
nisses von Militär, Wirtschaft- und Zivilbevölkerung; die Entwicklung scheint unter¬ 
schiedlich gelaufen zu sein. Es gibt Orte, die durch die Festung einen Teil der städti¬ 
schen Funktionen verloren haben und abgesunken sind, während andere Städte, etwa 
Saarlouis, ganz eindeutig erhebliche Bedeutung dazu gewonnen haben. — Zum Pro¬ 
blem der befestigten Städte: Hier geht es hauptsächlich um das, was Herr von der 
Dollen angesprochen hat, um Hauptfunktion und Nebenfunktion. Es gibt Orte, bei 
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