Full text: Beiträge zur Geschichte der frühneuzeitlichen Garnisons- und Festungsstadt

religiöse Toleranz verwirklicht, die es in Europa nicht gegeben hat, mit Ausnahme von 
Siebenbürgen, wo sie schon in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts geübt wurde. 
Franz Irsigler, Trier: Ich möchte eine Frage stellen zum Verhalten der Bevölke¬ 
rung in diesem Zwischenraum, der zeitweise auf ungarischer oder Habsburger Seite, 
zeitweise türkisch war. Aus diesem Raum kommen doch auch die vielen Ochsenher¬ 
den, es gab also durchaus einen türkisch-habsburgischen Handel nach Westen. Die 
Bevölkerung zahlte gleichzeitig die türkische Steuer, sie zahlte die Königsteuer und 
auch die Abgaben an die Magnaten, die im Westen saßen. Das ist eine ganz eigenar¬ 
tige Mischstruktur. Warum haben die Leute diese dreifache steuerliche Belastung trotz 
der Spannungen ertragen? Hat immer wieder die Hoffnung frei zu werden sie dazu 
bewogen, oder lag es daran, daß zumindest die Abgaben an die Magnaten durch gele¬ 
gentliche Plünderungszüge in türkisch besetztes Gebeit eingefordert wurden? 
Istvan N. Kiss: Die Frage nach den sechs Dörfern ist mehrmals gestellt worden. 
Dabei handelt es sich nicht um ein domaniales Problem; denn der Grundherr der be¬ 
treffenden Festung war der König. Er konnte die Umsiedlung der Dorfbewohner in die 
Festung also ganz einfach anordnen. — Ich teile die Auffassung von Herrn Rosla- 
nowski, daß die Situation in Osteuropa außergewöhnlich war und daß der nördliche 
Teil durch die schwedische, der südliche durch die türkische Politik beherrscht wurde. 
Daher konnten die Franzosen bei ihrer großen europäischen Politik auch immer mit 
schwedischer bzw. türkischer Hilfe rechnen und die Habsburger von ^ordosten und 
von Südosten her blockieren. — Zum Problem der Durchbildung des Absolutismus in 
Ungarn möchte ich nur kurz bemerken: Zweifellos bestand in Österreich-Ungarn ein 
sehr scharfer Gegensatz zwischen dem Herrscherhaus, das den Absolutismus durch¬ 
setzen wollte, was damals als modern galt, und den Ständen in Ungarn, die natürlich 
keinen Absolutismus haben wollten. Dazu kamen die religiösen Gegensätze, die Ge¬ 
genreformation, die schon im 17. Jahrhundert in Ungarn durchgeführt wurde von 
verschiedenen großen Kirchenfürsten wie etwa Peter Pazman, dem Erzbischof von 
Ungarn. 
Was wurde aus der angesprochenen städtischen Siedlung nach der Aufgabe der 
Festung? Das Problem hat der Hofkriegsrat in Wien blendend gelöst. Nach der Ver¬ 
treibung der Türken wurden fast sämtliche Festungen und Burgen in Ungarn ge¬ 
sprengt. Aus der ehemaligen Festung, von der ich gesprochen habe, wurde eine Agrar¬ 
stadt und sie entwickelte sich, wie es die ihr eigenen Möglichkeiten und der allgemeine 
Trend der wirtschaftlichen Entwicklung in Ungarn zuließen, also nicht besonders gut. 
In ganz Ungarn ist von allen Festungen nur sehr wenig stehengeblieben; man hat dort 
die österreichische Armee einquartiert. Die Sprengungen erfolgten wegen der Furcht 
der österreichischen Regierung, die ungarischen Kuruzen, eine nationale Aufstands¬ 
bewegung, könnten in den verlassenen alten Burgen Stützpunkte finden. — 
Herr Heilingsetzer sprach von der Türkenbewunderung und der religiösen Tole¬ 
ranz. Religiöse Toleranz hat es tatsächlich gegeben, aber man könnte diesen Umstand 
mit anderen Worten auch so ausdrücken, daß die türkische Bürokratie so faul war, 
daß es mit einem Schmiergeld sogar zur Toleranz reichte. — Herr Irsigler hat das 
eigenartige Phänomen angesprochen, daß an der Grenze des ungarischen Königreichs 
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