Full text: Beiträge zur Geschichte der frühneuzeitlichen Garnisons- und Festungsstadt

freiung. Das sind alles besondere Strukturen, für uns außerordentlich interessant; ich 
glaube, das verbindende Element besteht fast nur in der Frage der Staatsverschuldung, 
die auch hier gegeben war. Und dann handelt es sich im Südosten auch um einen ganz 
anderen Gegner; es macht schon einen Unterschied, ob sich Habsburger und Bourbo¬ 
nen, Generalstaaten und Franzosen einander gegenüber stehen, oder ob der Feind der 
Türke ist, — Als Herr Kiss von der Übersiedlung der sechs Dörfer in die Festung 
sprach und bemerkte, das sei eine zwangsweise Umsiedlung aller Dorfbewohner gewe¬ 
sen, hier sei aber keine Stadt entstanden, habe ich mich gefragt, ob es solche Übersied¬ 
lungen von Dörfern, unter mehr oder minder sanftem Druck, nicht gelegentlich auch 
bei deutschen, sogar noch bei spätmittelalterlichen Städtegründungen gegeben hat. 
Aber ich glaube, daß Herr Kiss Recht hat, diesen Vorgang in Ungarn abzusetzen von 
vielleicht nur scheinbar ähnlichen Verhältnissen, weil die gesamte Struktur doch eine 
andere ist. Auch die Agrarstädte in Ungarn sind eben doch ein Typ, den wir in dieser 
Form nicht haben. Interessant scheint mir weiter die Rolle der Magnaten; auch dafür 
gibt es im Westeuropäischen oder mindestens im Deutschland diesseits der Elbe keinen 
Vergleich. 
Tadeusz Rostanowski, Warschau: Ich möchte auf die Bemerkung von Frau 
Ennen eingehen, ob es wirklich so deutlich gegensätzliche Strukturen gab. Zweifellos 
waren die Türken ein anderer Gegner als etwa die Habsburger gegenüber den Bour¬ 
bonen. Aber wenn wir das ganze Mitteleuropa, auch den nördlich gelegenen Teil, ins 
Auge fassen, dann sehen wir einen ähnlich mächtigen Gegner, der nicht so exotisch 
war, ich meine Schweden. Für Polen war die türkische Gefahr sehr groß, aber doch 
keine lebensbedrohende Gefahr wie für Ungarn; zweifellos hat sie auch einen wesent¬ 
lichen Teil der polnischen Verteidigungskräfte beansprucht, eine große Leistung her¬ 
ausgefordert mit einem freilich nicht so gut organisierten und verteidigten Festungs¬ 
gürtel am Dnjepr und bei den sogenannten Wilden Feldern, auch in der Ukraine; man 
hat eine ganze Kette von für diese Zeit modern ausgestatteten Zitadellen erbaut, z. B. 
in Podolien. Aber wenn wir, wie gesagt, den ganzen mitteleuropäischen Raum be¬ 
trachten, so sehen wir, daß sich die für Polen entscheidende kriegerische Auseinander¬ 
setzung weiter nördlich ereignet hat, ein Krieg, der sich für beide Seiten nicht gelohnt 
hat; sowohl Polen als auch Schweden haben darunter sehr gelitten. Es war ein Krieg, 
der sehr große Leistungen und Opfer verlangt hat, aber in der Folgezeit diese großen 
europäischen Länder noch weiter zurückwarf und nur für einen Dritten Erfolg brach¬ 
te, das große Reich im Osten, das sich mit Peter d. Großen auf Kosten der anderen 
formiert und behauptet hat. Eine weitere kleine Bemerkung: Herr Kiss hat das Beispiel 
der Wehrbauern in Polen angesprochen. Die sogenannte Auswahlinfanterie hat in 
Polen aber nicht zu einem Freibauernstand geführt, was damit zusammenhängt, daß 
der Kleinadel in Polen so zahlreich war wie etwa in Südfrankreich, in der Gascogne 
oder in Spanien, und bis zu 10—12 % der ganzen Bevölkerung ausmachte; deswegen 
hatte man es nicht nötig, sich auf die Bauern zu stützen. 
Wolfgang Petter, Freiburg: Herr Kiss hat erklärt, daß die Verhältnisse in Ungarn 
weit hinter den allgemeineuropäischen zurück lagen, und als Beispiel dafür angeführt, 
daß die Festungen in diesem Gürtel hauptsächlich von Domänen erhalten wurden, die 
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