Full text: Beiträge zur Geschichte der frühneuzeitlichen Garnisons- und Festungsstadt

nell gerechnet wurde und den viele Theoretiker als gegeben voraussetzen, verschwin¬ 
det aus dem Denken der Stadtplaner im Zeitalter Vaubans. Man denke nur an ein so 
spätes Zeugnis wie die von einem napoleonischen Stadtkommandanten in Saarlouis 
überlieferte Äußerung, der einzig wirklich verläßliche Faktor im Ernstfall sei die Loya¬ 
lität seiner Bürgerschaft. Die Notwendigkeit zur Anlage einer Zitadelle vereitelt näm¬ 
lich nicht nur die Möglichkeit zur Symmetrie, sondern fundamentiert in symbolträch¬ 
tiger Weise die gesellschaftliche Inkongruenz in dem neuen städtischen Organismus, 
wo Garnison und Zivilgemeinde miteinander konfrontiert waren19. 
Wir werden auf die Art dieses Dualismus noch zurückkommen müssen. Die großen 
Meister der Festungsstadt im Cinquecento wie Sanmicheli und Scamozzi hatten als 
ziviles Architekturthema den Villenbau gepflegt, so noch der bedeutendste italienische 
Fortifikateur des 17. Jahrhunderts, Vincenzo Maculano, der „Kardinal Fiorenzuola“, 
welcher als Inquisitor Galileis ruchbar geworden ist20. Motive des Terrassenbaus im 
Giardino pensile kehren in der Gestaltung der Bastionen dieser Architekten wieder 
und umgekehrt, wie man an Vignolas monumentaler Villa in Caprarola erkennen 
kann21. Maculanis römische Villa Montalto Celimontana läßt, vor allem in der Gar¬ 
tenanlage, ähnliche Schlüsse zu. Noch Borrominis bestückte Villenentwürfe für die 
Familien Pamphili und Falconieri mit Eckbastionen22. Deutsche Residenzen des späten 
Absolutismus im 18. Jahrhundert werden an der Parkseite in die städtische Bastio- 
närbefestigung integriert, als guterhaltene Beispiele sind Würzburg und Münster anzu¬ 
führen, deren Schöpfer Neumann und Schlaun ihrem Rang als Ingenieur- und Artille¬ 
rieoffiziere den ersten Platz vor dem eines Zivilbaumeisters einräumten23. 
Das viele Grün der Wallanlagen, die sich in den breiten, geradlinigen Wasserzügen 
der nassen Gräben spiegelten, kam dem Geschmack der Zeit für den „strengen“ fran¬ 
zösischen Gartenstil sehr entgegen. In demselben Ausmaß, in dem man den Park des 
17. Jahrhunderts im Zeitalter der Frühromantik anglisierte, rückte man den Festungs¬ 
anlagen zuleibe, sobald diese zur Schleifung freigegeben waren, um sie im selben 
Geiste umzugestalten. Für den Denkmalpfleger läßt sich in beiden Fällen dieser Prozeß 
kaum mehr reversibel machen, auch wenn die große Zahl entstellter und ganz verlo¬ 
rengegangener Objekte dies wünschenswert erscheinen ließe. 
Die Ereignisse um die häufig mit einer Medaillenprägung gefeierten Planungs- und 
Gründungsvorgänge einer Festungsstadt und vor allem ihre repräsentative Darstellung 
in Prunkplan und Vedute verrät viel über den Wandel der Zeiten. Francesco de Me¬ 
dici ließ sich in seinem Studiolo malen wie er allein und eigenhändig den Festungsplan 
der Zitadelle von Siena korrigiert. Schon Cosimo I. hatte sich die Darstellung von 
19Gerhard Eimer, Die Stadtplanung im schwedischen Ostseereich 1600-1715. Mit Beiträgen 
zur Geschichte der Idealstadt, Stockholm 1961, S. 470-471. 
20 An neueren Beiträgen bisher nur: Giuseppe Galli, II Cardinale Maculano al processo di Gali¬ 
leo, Memorie Domenicane 82, XLI serie nuova, 1965, Heft I, S. 24—42 und II S. 159-167. 
21 Zur Problematik der befestigten Renaissance-Villa in Italien siehe: Stanislaus von Moos, 
Turm und Bollwerk, Beiträge zu einer politischen Ikonographie der italienischen Renaissance¬ 
architektur, Zürich 1974 
22 Paolo Portoghesi, Francesco Borromini, Baumeister des römischen Barock, Zürich-Mai¬ 
land 1977, S. 166, 175 f, Taf. CIII-CIV. 
23 An neueren Ansätzen in dieser Richtung wären anzuführen: G. Severini, Architettura mili- 
tare di Giuliano da Sangallo, Pisa 1970; Hermann Heckmann, Bauten für militärische 
Anlagen, in: Matthäus Daniel Pöppelmann. Leben und Werk, München u. Berlin 1972, 
S. 224. 
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