Full text: Beiträge zur Geschichte der frühneuzeitlichen Garnisons- und Festungsstadt

gen publiziert und teils erkannte man in ihnen vorwiegend ornamentale Absichten 
wieder. Ferner sah man sie nicht im Bezug auf ein ausgeführtes Objekt, denn diese 
Entwürfe sollten erst mit einiger Verspätung beim Bau der Fortezza di San Giorgio del 
Belvedere sekundäre Verwendung finden, wo andere Kräfte die Bauleitung bekamen. 
Man könnte ausführlich darüber diskutieren, wieweit mathematisch-ballistische Re¬ 
flexion oder ein mächtiger künstlerischer Impuls den Zeichenstift des Meisters aus¬ 
schlaggebend geführt hat. 
Der utopische Grundzug der frühen Experimente im 16. Jahrhundert14 haftet den 
Festungsstädten noch lange an, selbst die gesammelten Anstrengungen im Absolutis¬ 
mus, die jedem Kräfteverlust abhold waren, konnten diesen Grundzug nicht ganz 
ausschließen. Aber im Frankreich Vaubans gerät die Idealstadt eindeutig in den Be¬ 
reich des Rationalismus, obwohl viele ihrer äußeren Bestandteile, oft bis ins Detail, 
von den „klassischen“ Vorgängern aus der italienischen Renaissance übernommen 
werden. Ohne Zweifel haben einzelne Anlagen Modellcharakter, so das Spätwerk 
Neuf Brisach15, (Neubreisach), doch die Neigung zur Serienbildung bleibt unverkenn¬ 
bar. Im Cinquecento dagegen trat die Einmaligkeit in fast jedem bekannt gewordenen 
Fall hervor16; trotz handfester politischer Ziele — man denke an die Zwangsrekrutie¬ 
rung der Einwohner für die Grenzfestung Palmanova — dominieren die utopischen 
Merkmale. Das soll nicht heißen, daß man gegen Ende des 17. Jahrhunderts auf theo¬ 
retische Literatur verzichtet. Obwohl uns eine vollständige Zusammenstellung der 
hierher gehörenden Theoretiker noch nicht zur Verfügung steht, läßt sich bereits jetzt 
erkennen, daß ausgesprochen utopische Züge nach Mitte des 17. Jahrhunderts zu¬ 
rücktreten und einer neuen Form konkreten Denkens Platz machen. 
Die Projekte werden, selbst da wo wir Serienplanung beobachten können, mit 
Rücksicht auf den Landschaftscharakter ins Werk gesetzt. Diese Bemühungen zur 
Hervorhebung örtlicher Sonderzüge sind lange Zeit nicht erkannt worden. Erst heute, 
wo wir das Werk Vaubans besser überblicken, läßt sich herausstellen, daß er auf lo¬ 
kale Eigenart viel mehr bedacht war als ein erster Augenschein vermuten ließ17. Im 
Gegensatz dazu entstehen die Entwürfe der frühen Utopisten im gedanklichen Frei- 
raum, ihre urbanen Konzepte sind im Bereich purer Abstraktion geboren und können 
wohin auch immer versetzt werden, möglichst ins entlegene Land Utopien. Von die¬ 
sem irrealen Anflug emanzipiert sich die an zentraler Stelle unter Aufsicht der königli¬ 
chen Behörden geplante Idealstadt des Absolutismus18. Im Zeichen der merkantilen 
Politik war eine weitgehende Integration des militärischen und des bürgerlichen Ele¬ 
ments in den neu geschaffenen oder auf altem Kern ausgebauten Gemeinwesen ge¬ 
währleistet. Ein Zwiespalt zwischen Garnison und Einwohnerschaft mit dem traditio¬ 
14 Braunsfels, siehe Anm. 9. 
15 Gute Vergleichsmöglichkeiten in den ausgezeichneten Bildtafeln des bahnbrechenden Werkes 
von M. Parent und J. Verroust, Vauban, Freal 1971, S. 148-164. 
16 Bisher muß man auf Einzelmonographien zurückgreifen, die an Sorgfalt kaum zu wünschen 
übrig lassen; Bartolomeo Ammannati, La Citta. Appunti per un trattato, hrsg. von Mazzino 
Fossi, Rom 1970; Enzo Donatini, La Citta ideale, Fortezza della Romagna Fiorentina, 
Ravenna (Girasole) 1979. 
17 Bei Vauban wurde dies wohl am frühesten am Beispiel von Lille herausgestellt, siehe Pierre 
Parent, L’Architecture civile ä Lille 1925. Bahnbrechend wurde dann Louis Grodecki, 
Vauban urbaniste, Etudes sur l’art au XVIIme siede, Paris 1957. 
18 Siehe dazu vor allem: Alfred Rebelliau, Vauban, Paris 1962; Antonio Corsi Ramelli, 
Marchese di Vauban, Rom 1966. 
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