Full text: Die Anfänge der Bergarbeiterbewegung an der Saar (1848 - 1904)

bald schon zum Mittelpunkt der katholischen Sozialpolitik entwickelte^0. Bisher hatte 
das Zentrum einen heftigen Zweifrontenkampf gegen Kapitalismus/Liberalismus und 
Sozialismus geführt, wobei sich der Kulturkampf sowohl für den Antisozialismus als 
auch für einen „liberalen“ Katholizismus als retardierendes Element auswirkte. „Wir 
sehen in der Sozialdemokratie nichts weiter als ein Kind des Liberalismus, eine Fortent¬ 
wicklung der Ideen, welche durch den Liberalismus heute herrschen. Wenn also die 
Vertreter des Liberalismus und die Sozialdemokratie sich bekämpfen, so ist dies zu¬ 
nächst ein Streit in der Familie“, schrieb die ,,Saar-Zeitung“ durchaus prototypisch am 
3. August 187730 31. Neben der religiös-caritativen Lösung der sozialen Frage, die den 
Pauperismus als Ausdruck einer weltanschaulichen Fehlentwicklung begriff und Ge¬ 
sinnungsänderung und traditionelle Armenfürsorge empfahl, propagierte man eine 
ständische Sozialreform auf der Basis nichtstaatlicher Korporationen32 33. Mit der Grün¬ 
dung von ,,Arbeiterwohl“ bahnte sich ein allmählicher Wandel an. Man stellte sich „auf 
den Boden der neuzeitlichen wirtschaftlichen und staatlichen Entwicklung“2’2,, die kapi¬ 
talismusfeindliche Periode des deutschen Katholizismus ging zu Ende. Während die 
Einsicht in die Notwendigkeit staatlicher Sozialpolitik wuchs, reduzierte sich der bis¬ 
herige Zweifrontenkampf tendenziell auf den Konflikt mit der Sozialdemokratie. 
Auf dieser Grundlage entwickelte sich der Verband „Arbeiterwohl“ zum wichtigsten 
Propagandisten für die Gründung katholischer Arbeitervereine34 35, um die Arbeiter¬ 
schaft „von der Klasse zum Stand“ emporzuheben. Den 1884 erarbeiteten „Grundzü¬ 
gen für die Organisation von christlichen Arbeitervereinen“2’2’ lag die Vorstellung sozia¬ 
ler Harmonie zugrunde, gewerkschaftsähnliche Aufgaben waren nicht beabsichtigt: 
Materielle Interessen könnten zwar verfolgt werden; „wesentlich sind dieselben nicht. 
Leitendes Ziel muß aber auch hier bleiben, daß der katholische Arbeiterverein die be¬ 
rechtigten und wohlgemeinten Bestrebungen der Arbeitgeber nicht nach Art der Sozial¬ 
30 E. Ritter, S. 129 — 136. Brüls: Geschichte der katholisch-sozialen Bewegung, S. 35 — 39. 
Demmel, S. 26-44. Filthaut, S. 74, 82 — 85. Haas, S. 63 — 68, 77 — 100. Vgl. Albert 
Franz : Die Anfänge der sozialen Bewegung im deutschen Katholizismus, Diss. Heidelberg 
1914. Leopold Leutner: Das Erwachen der modernen katholischen Sozialidee. Die Ent¬ 
wicklung im 19. Jahrhundert bis zum Erscheinen der Enzyklika Rerum Novarum, Wien 1951, 
Roman Vesper: Arbeiterwohl-Verband katholischer Industrieller und Arbeiterfreunde 
1880 — 1928, in: Dieter Fricke (Hrsg.): Die bürgerlichen Parteien in Deutschland. Handbuch 
der Geschichte der bürgerlichen Parteien und anderer bürgerlicher Interessenorganisationen 
vom Vormärz bis zum Jahre 1945, Bd. 1, Berlin 1968, S. 44 — 47. 
31 Zit. bei Heitjan, S. 83. 
32 Vgl. E. Ritter, S. 77 — 85. Berger, S. 12. 
33 August Pieper: Sinn und Aufgaben des Volksvereins für das katholische Deutschland, 2. 
Aufl., Mönchengladbach 1926, S. 20. Vgl. Heinz Herberg : Eine wirtschafts-soziologische 
Ideengeschichte der neueren katholischen Soziallehren in Deutschland, Diss. Bern 1933, S. 
102. Franz Müller: Zur Beurteilung des Kapitalismus in der katholischen Publizistik des 19. 
Jahrhunderts, in: Wilhelm Schwer/Franz Müller: Der deutsche Katholizismus im Zeitalter des 
Kapitalismus (= Kirche und Gesellschaft, Bd. 6), Augsburg 1932, S. 77 — 208, spez. S. 207. 
Grenner, S. 112 f. Allendorf, S. 135ff. K.E.Born, S. 48. Paul J o s to c k : Der deut¬ 
sche Katholizismus und die Überwindung des Kapitalismus. Eine ideengeschichtliche Skizze, 
Regensburg o. J. (1932). Paul Bockisch : Die Wirtschaftsgesinnung der Katholisch-Sozia¬ 
len in Deutschland im 19. Jahrhundert, Diss. Breslau 1927. 
34 Vgl. Arbeiterwohl 1 (1880), S. 8 f. E. R i 11 e r, S. 133 - 135, 280 - 289. 
35 Arbeiterwohl 6 (1886), S. 165 — 225. Vgl. C. Braun, S. 42 f. Berger, S. 26 — 28. Johannes 
Käst er: Die christlich-sozialen Ideen und die Gewerkschaftsfrage (= Soziale Tagesfragen, 
H. 45), Mönchengladbach 1922, S. 29 - 41. Otto Müller: Die katholischen Arbeitervereine 
als kirchliche Bildungsvereine, 3. Aufl., Mönchengladbach 1907. Ulrich Jenne : Das Bild des 
Arbeiters in der katholisch-sozialen Bewegung Deutschlands in den Jahren 1848 — 1933. Eine 
ideengeschichtliche Untersuchung, Diss. München 1976. 
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