Full text: Die Anfänge der Bergarbeiterbewegung an der Saar (1848 - 1904)

Unmittelbar vor dem Maistreik 1889 stand damit die Gründung einer nationalen Berg¬ 
arbeiterorganisation fest; Verbindungen zu den Saarbergleuten fehlten jedoch*3. 
Das Sozialistengesetz wurde an der Saar nicht nur gegen die Sozialdemokraten selbst 
angewandt, es traf auch die Linksliberalen: Seit 1880 erschien das ,,Nennkircher Tage¬ 
blatt“ unter der Redaktion Johann Webers, eines Anhängers der Fortschrittspartei Eu¬ 
gen Richters85 86. Wenn die Zeitung auch zunächst jede direkte Attacke gegen Stumm 
vermied, so gab sie sich doch im Hinblick auf die Reichstagswahl 1881 politisches Pro¬ 
fil; das ,,Neunkircher Tageblatt“ stellte sich in die Tradition des Hambacher Festes, 
machte sich für den Freihandel stark und verteidigte Schulze-Delitzschs Genossen¬ 
schaftsideen. Am 27. Oktober 1880 druckte das Blatt das Gedicht,,Der alte Arbeiter“ 
ab: 
„Als ich noch jung an Jahren, 
da war mir nichts zu schwer. 
Dem Mann mit weißen Haaren 
gibt keiner Arbeit mehr“*7, 
hieß es in der ersten und der letzten Strophe. Regierungspräsident von Wolff wies den Ott- 
weiler Landrat an, daß in diesem Abdruck „der Versuch zu erblicken (sei), die Arbeiter 
der Stummschen Werke ... zum Klassenhaß gegen die Arbeitgeber aufzureizen“. Das 
,,Neunkircher Tageblatt“ sei unter strengste Kontrolle zu stellen und gegebenenfalls 
§15 des Sozialistengesetzes anzuwenden — die Beschlagnahmung des Organs88 90. 
Stumm selbst ging noch einen Schritt weiter. Unter Berufung auf das ,,Sozialistengesetz 
der Saarindustrie“ verbot er seiner Belegschaft die Lektüre des ,,Neunkircher Tage¬ 
blattes“^ . Indirekt wurde damit auch auf die Wirte ein Boykottdruck ausgeübt, denn 
wer wollte schon die Hüttenarbeiter als Gäste verlieren? Auch viele Geschäftsleute 
wagten es nun nicht mehr, der Zeitung Annoncen zuzuschicken — aus Furcht, über sie 
könnte eine ähnliche Sperre verhängt werden wie über die Wirte. Am 1. November 
1880 trat das ,,Komitee zur Bekämpfung der Sozialdemokratie“ zusammen und schloß 
sich einstimmig Stumms Verfügung an9C. Durch die Mitwirkung der Staatsbetriebe er¬ 
hielt Stumms privater Pressekrieg somit amtliche Unterstützung. Weber schickte am 
10. November 1880 eine umfangreiche Beschwerde gegen diesen Beschluß an das preu¬ 
85 Eine Reichstagspetition zum Alters- und Invalidenversicherungsgesetz vom Dezember 1888 
trug die Unterschriften von Knappenvereinen in Sachsen, Niederschlesien, Halle, Oberbayern 
und dem Ruhrgebiet; lediglich das Saarrevier, Aachen und Oberschlesien fehlten. Vgl. Hue : 
Neutrale oder parteiische Gewerkschaften, S. 47. Imbusch, S. 227. 
86 Vgl. Ursula Steinbrecher : Liberale Parteiorganisation unter besonderer Berücksichtigung 
des Linksliberalismus 1871 — 1893. Ein Beitrag zur deutschen Parteigeschichte, Diss. Köln 
1960. Gustav Seeber: Zwischen Bebel und Bismarck. Zur Geschichte des Linksliberalismus 
in Deutschland 1871 — 1893, Berlin 1965. Hans Edgar Matthes : Die Spaltung der National¬ 
liberalen Partei und die Entwicklung des Linksliberalismus bis zur Auflösung der Deutsch- 
Freisinnigen Partei (1878 - 1893), Diss. Kiel 1953. Alfred M il at z : Die linksliberalen Partei¬ 
en und Gruppen in den Reichstagswahlen von 1871 — 1912, in: ASG 12 (1972), S. 273 —292. 
87 Neunkircher Tageblatt vom 27. 10. 1880 (Nr. 251). Abgedruckt auch bei Tille (Hrsg.): Die 
Reden des Freiherrn Carl Ferdinand von Stumm-Halberg, Bd. 8, S. 90 f. Der Text war der 
Berliner Zeitschrift „Die Wahrheit“ entnommen, wie Rickert am 7. Dezember 1880 im Preu¬ 
ßischen Abgeordnetenhaus bewies, vgl. ebd., S. 88 sowie Gerhard Bungert/Klaus-Michael 
Mallmann: Aufstieg und Untergang des „Neunkircher Tageblattes“. Ein Kapitel saarlän¬ 
discher Pressegeschichte, in: SH 22 (1978), S. 238-240. 
88 RP Wolff/Trier an LR/OTW vom 4. 11. 1880, LHAK 442/6812, 283 f. 
89 TLZ vom 30. 10. 1880 (Nr. 294). Heitjan, S. 93. 
90 Abgedruckt bei Tille (Hrsg.): Die Reden des Freiherrn Carl Ferdinand von Stumm-Halberg, 
Bd. 8, S. 93. 
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