Full text: Die Anfänge der Bergarbeiterbewegung an der Saar (1848 - 1904)

diesem letzten Streiktag verhandelte Werksdirigent von Roenne mit zwei Delegierten 
der Belegschaft. ,,Unter Aufrechterhaltung der getroffenen Anordnung“ fuhren die 
Dechener Bergleute am 12. Oktober wieder vollständig an8. ,,Sozialdemokratische 
Wühlereien“ wurden nicht festgestellt9 11, es blieb bei einer organisatorisch folgenlosen, 
vereinzelten Empörung. ,,Arbeitervereine mit dem Zwecke., Arbeitseinstellungen zu 
organisiren, bestanden weder bei dem erwähnten Falle, noch auch existiren dieselben 
unseres Wissens überhaupt unter den hiesigen Bergarbeitern“'0, antwortete die Berg¬ 
werksdirektion 1873 auf die Umfrage des Deutschen Handelstages. 
Auch der Ruhrstreik im Sommer 1872 zeigte keine Auswirkungen an der Saar. Auf ei¬ 
ner Essener Versammlung gab man zwar bekannt, es sei veranlaßt, ,,daß, sobald die er¬ 
ste Kohlensendung von dort (Saarbrücken, d.V.) nach hier abgehe, die Arbeit auch dort 
eingestellt werde“". Doch eine Umfrage des Saarbrücker Landrats nach zugereisten 
Streikagitatoren brachte nur negative Befunde zutage12 13. 
Erst im Sommer 1873 beobachtete die Bergwerksdirektion ,,eine gewisse Gährung un¬ 
ter den Bergarbeitern des Saarbrücker Reviers“". Auf Altenwald sowie einer weiteren 
Grube war es zu einem Streik der im Dienste von Privatunternehmern stehenden Pfer¬ 
deknechte gekommen. Peter Klein, später Vorsitzender der Arbeiterausschüsse auf den 
Saargruben und damals Pferdeknecht auf Altenwald, schrieb darüber in seinen Erinne¬ 
rungen aus dem Jahre 1908: ,,Es gab einen vollen Sieg der Arbeiter, d.h. der Pferdejun¬ 
gen in Lohn und Arbeitszeit. Der Lohn stieg von 1,80 Mark auf 2,60 Mark pro Tag, 
und die Arbeitszeit wurde von 16 Stunden auf 12 Stunden reduziert, so daß es einiger¬ 
maßen ging, um leben zu können, jedoch kostete es mich wegen dieser Aufklärung als 
Sünder für Freiheit und Recht 3 Monate ... traurig aber wahr, der Name Klein klang 
damals im ganzen Königreiche Stumm“14. Ansonsten aber ließ sich keine Bergarbeiter¬ 
bewegung ausmachen. Die Bergwerksdirektion klagte zwar über ,,zunehmende Roh¬ 
heit“, ,,Widersetzlichkeit gegen die Grubenbeamten“ und sah in diesem „Geist der 
Ungebundenheit und Ausgelassenheit namentlich unter den jüngeren Arbeitern“ nach 
bewährtem Interpretationsmuster das Werk sozialdemokratischer Agitatoren. Darum 
forderte die Direktion eine Verstärkung der Polizeikräfte durch Verlegung von Gen¬ 
darmerie in das Grubengebiet15. Das Oberbergamt reagierte erschreckt und forderte 
die Saarbrücker Bergwerksdirektion zur näheren Berichterstattung auf16. Achenbach 
8 Rönne/BI VII an BWD vom 11. 10. 1871, LASB 564/715, 4. Vgl. die Telegramme Heyders 
an Achenbach vom 9. und 10. 10. 1871, ebd., 2 f. 
9 Achenbach/BWD an RP vom 17. 10. 1871, LHAK 442/4386, 3. 
10 Achenbach/BWD an HK/SB vom 26. 3. 1873, LASB 564/715, 32 f., ZitatS. 33. Zur Streiken¬ 
quete des Deutschen Handelstages vgl. M. M ey e r, S. 31 — 39. Auswertung in: Das deutsche 
Handelsblatt, Berlin 1873, Nrn. 46-52. Vgl. Lothar Machtan: Giebt es kein Preservativ, 
um diese wirth schafdich e Cholera uns vom Halse zu halten?“ — Unternehmer, bürgerliche 
Öffentlichkeit und preußische Regierung gegenüber der ersten großen Streikwelle in Deutsch¬ 
land (1869-1874), in: Jahrbuch Arbeiterbewegung 1981: Politischer Streik, Frankfurt 1981, 
S. 54-100. 
11 Zit. beiTenfelde: Sozialgeschichte, S. 474, Fn 367. 
12 LR Gärtner/SB an die Kreisbürgermeister vom 26. 6. und 3. 7. 1872, SASB, Best. Malstatt- 
Burbach, Nr. 57. 
13 Achenbach/BWD an RP vom 17. 6. 1873, LASB 564/ 715, 45-47, Zitat S. 45. 
14 Erinnerungen Peter Kleins, in: L e vens t ein , S. 107-115, Zitat S. HO. Allerdings datiert 
Klein den Altenwalder Streik fälschlicherweise auf den 10. Oktober 1873 - ein Erinnerungs¬ 
fehler, da die einzige sonstige Erwähnung, ein Bericht Achenbachs an den Handelsminister, 
LASB 564/715, 49, bereits vom 12. August 1873 stammt. 
15 Achenbach/BWD an RP vom 17. 6. 1873, LASB 564/715, 45-47. 
16 Krug/OBA Bonn an BWD vom 29. 7. 1873, ebd., 48. 
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