Full text: Die Anfänge der Bergarbeiterbewegung an der Saar (1848 - 1904)

kannte, auch noch nicht bestand, und auch keine wollte, in den Knappenvereinen verei¬ 
nigt, die doch später als Religionsfanatiker ausarteten“24. 
3.4 Die Streiks der Gründerjahre 
Die Börsenhausse der Gründerjahre begleitete eine ansteigende Streikwelle, in deren 
Gefolge die Gewerkschaften neuen Aufschwung nahmen. Die Arbeiter ,,revoltierten 
nicht wegen einer Wirtschaftskrise, durch die sie weiter verelenden würden, sondern 
verlangten ihren Anteil an der tropischen Blüte der deutschen Wirtschaft nach dem 
Krieg“1. Im Zeitraum zwischen 1864 und 1873 fanden mindestens 820 nachgewiesene 
Streiks statt2, die in den Jahren unmittelbar nach der Reichsgründung kulminierten: 
1871 — 152, 1872—225, 1. Halbjahr 1873 — 1533. Durchweg hatten die Ausstände noch 
rein lokalen Charakter, selbst an den größeren Streiks beteiligten sich kaum mehr als 
4-5 000 Arbeiter4. 
Im preußischen Saarbergbau kam es in den Gründerjahren lediglich zu einem kurzen 
Ausstand auf Grube Dechen5. Anlaß war eine organisatorische Neuerung: Statt des 
täglichen Verlesens mit Gebet führte die Berginspektion ab 9. Oktober 1871 eine Mar- 
kenkontrolle ein. Genau diese Maßnahme stand paradoxerweise 1872 auf dem Forde¬ 
rungskatalog der streikenden Bergleute auf den Dortmunder Zechen Tremonia und 
Westfalia, da sie das langwierige Verlesen als vergeudete Zeit ansahen. Als die dortige 
Zechenleitung die Markenkontrolle zugestand, trug dies wesentlich zum frühen 
Streikende bei6. Ob die Dechener Bergleute ihrerseits gegen die unpersönliche Durch¬ 
numerierung rebellierten, ob sie darin ein Mittel zur stärkeren Kontrolle erblickten 
oder ob es sich lediglich um ein ,,Mißverständnis“ handelte, wie der Vorsitzende der 
Bergwerksdirektion mutmaßte7, muß unbekannt bleiben. Jedenfalls herrschte am 8. 
Oktober auf Versammlungen in Wiebelskirchen und Wellesweiler Streikstimmung. 
Am nächsten Morgen weigerte sich die Mehrzahl der Belegschaft, die neuen Marken in 
Empfang zu nehmen. Daraufhin wurden sie vom Bergassessor Heyder nach Hause ge¬ 
schickt. In den nächsten beiden Tagen wiederholte sich diese Prozedur: Von den 900 
Arbeitern blieben 830 am 9. Oktober der Arbeit fern, 760 am 10. und 685 am 11. An 
24 Erinnerungen Peter Kleins, in: L e ve n s t e i n , S. 107 — 115, ZitatS. 110. 
1 Wachenheim, S. 136. Ähnlich Rosenberg : Wirtschaftskonjunktur, S. 241. Allerdings 
sind dabei die hohen Preissteigerungen für Konsumgüter in diesen Jahren in Rechnung zu 
stellen. Vgl. Ulrich Engelhardt : Zur Entwicklung der Streikbewegungen in der ersten In¬ 
dustrialisierungsphase und zur Funktion von Streiks bei der Konstituierung der Gewerk¬ 
schaftsbewegung in Deutschland, in: IWK 15 (1979), S. 547-569, spez. S. 551 f. 
2 Steglich, S. 243. Die Streiks an der Saar blieben Steglich jedoch unbekannt. Seine detaillier¬ 
te Tabelle (S. 247 — 282) nennt kernen einzigen derartigen Ausstand. 
3 Klaus, S. 20. Lothar M a c h t a n : Zur Streikbewegung der deutschen Arbeiter in den Grün¬ 
derjahren (1871 — 1873), in: IWK 14 (1978), S. 419 — 442, spricht sogar von fast 800 Arbeits¬ 
kämpfen allein in den Jahren 1871 - 1873. Vgl. Gerhard Bungert/Klaus-Michael Mall¬ 
mann : Als Streik noch ein Fremdwort war. Die ersten Arbeitskämpfe im Saarrevier, in: Ar¬ 
beitnehmer 28 (1980), S. 151 — 153. 
4 Nestriepke, Bd. 1, S. 213. 
5 In der Literatur lediglich von E. Klein: Saarbergbau, S. 15, und Tenfelde: Konflikt, S. 
229, gestreift. Tenfelde datiert den Dechener Streik fälschlicherweise auf Oktober 1872. 
6 Tenfelde: Sozialgeschichte, S. 477. 
7 Achenbach/BWD an RP und OBA vom 17. 10. 1871, Konzept LASB 564/715,7 — 9, Ausfer¬ 
tigung LHAK 442/4386, 3-5, Zitat S. 5. 
58
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.