Full text: Die Anfänge der Bergarbeiterbewegung an der Saar (1848 - 1904)

tember 1867 in Neunkirchen beschloß ein gemeinsames Generalstatut2C und bildete ei¬ 
nen allgemeinen ,,Saarbrücker Knappenverein“. In Anlehnung an die Knappentradi¬ 
tion beschloß man, ,,die unbekannt gewordenen Lieder des Standes und Berufes wieder 
einzuführen und so die schlechten und rohen Gesänge zu verdrängen, dabei aber auch 
das Standesbewußtsein und einen gewissen Corpsgeist zu wecken und zu erhalten, der 
am besten niedrige Excesse zu verhindern geeignet sei“11. Dud weder wurde zum „Vor¬ 
ort“ des Zentralvereins bestimmt; damit löste der dortige Pfarrer Matthias Oesterling 
(1828—1904), im Kulturkampf und in der Streikperiode eine der wichtigsten Figuren 
des saarländischen Zentrums22, Hansen als geistiges Oberhaupt der katholischen Berg¬ 
mannsvereine ab. Eine Cabinets-Ordre gestattete dem Verein am 5. Mai 1868 die Füh¬ 
rung des königlichen Namens; seither firmierte er als ,,Knappenverein Wilhelm“. 
Durch den Anschluß neuer Zweigvereine in Fischbach, Quierschied, Friedrichsthal, 
Riegelsberg und Herrensohr wuchs der Gesamtverein bis Ende 1869 auf etwa 800 Mit¬ 
glieder an23. 
Die geschlossene Teilnahme an kirchlichen Festen galt von Anfang an, und bald nahm 
man auch die Tradition der Bergparade auf. Bei Begräbnissen, Ausflügen und Stif¬ 
tungsfesten zog man in halbmilitärischer Formation durch den Ort; Vereinsfahne, 
Bergmannsuniform und eigenes Musikkorps waren Selbstverständlichkeiten24. ,,Solche 
von ständischen Formen verbrämte Geselligkeit ließ anstelle der gelebten eine erinnerte 
Wirklichkeit treten und schuf so einen Fluchtbereich des Geselligen, in dessen Illusionen 
tägliche Mißerlebnisse verdeckt und verdrängt werden konnten“25. Regelmäßige Bil¬ 
dungsabende warnten vor Alkoholgenuß, verklärten den Bergmannsstand und behan¬ 
delten patriotische Themen; 1885 beispielsweise hielt der Dudweiler Hauptlehrer C. 
Spross folgende Vorträge: ,, Welche Vortheile genießt der Bergmann vor anderen Ar¬ 
beitern?“, „Züge aus dem Leben unseres Kronprinzen“, „Feinde des Bergmanns“ und 
„Eine deutsche Frau (Königin Luise)“26. Gesangsabende und eigene Theateraufführun¬ 
gen dienten dem gleichen Zweck. 1874 gab Oesterling dazu eine Broschüre „Spiele für 
Knappenvereine“17 heraus. Das hierin enthaltene Reimspiel „Steiger und Knappen“ 
widerspiegelt in konzentrierter Form die Gedankenwelt der katholischen Bergarbeiter¬ 
vereinigungen: Vier Bergleute beschweren sich beim Steiger über Lohn- und Arbeits¬ 
bedingungen. Doch der überzeugt sie, daß der Lohn hoch genug, aber ihre Ausgaben 
zu verschwenderisch seien. Am Ende der Diskussion bekehren sich die vier: 
20 Bgmfr. vom 8. 9. 1871 (Nr. 10) und LHAK 442/7854, 125 f. 
21 Bgmfr. vom 1.9.1871 (Nr. 9). Vgl. Hansen: Vortrag, S. 20 — 29. Grundhöf er: Chro¬ 
nik. Zum 1868 im Ruhrgebiet entstandenen Knappenbund vgl. T e n f e 1 d e : Sozialgeschichte, 
S. 364 f. 
22 Vgl. Joseph Rausch: Geschichte der katholischen Pfarrei Dudweiler an der Saar. Denk¬ 
schrift zum 70-jährigen Gründungsfest, Saarbrücken o. J. (1928), S. 35 — 37. Festschrift zur 
100-Jahresfeier der Pfarrgemeinde St. Marien — Dudweiler, Dudweiler 1958, S. 10 f. 
23 Bgmfr. vom 8. 9. 1871 (Nr. 10). Oesterling: Memorandum, S. 5. Rausch, S. 87. 
Kiefer: Organisationsbestrebungen, S. 18. Hue: Bergarbeiter, Bd. 2, S. 278 f. 
24 Für Dudweiler vgl. Bgmfr. vom 9. 8. 1872 (Nr. 32) und 27. 6. 1873 (Nr. 26). Klaus-Michael 
M a 11 m a n n /Gerhard Bungert: Vereine und Feste vor dem Ersten Weltkrieg, in: Dudwei¬ 
ler 977-1077, Saarbrücken 1977, S. 341 -348. 
25 Tenfelde: Sozialgeschichte, S. 391. Zum internen Vereinsleben im Ruhrgebiet vgl. ebd., S. 
386 — 396. Ders. : Bergmännisches Vereinswesen, S. 334 — 344. 
26 Auflistung für 1885 im SADU, F 33, Nr. 6. 
27 Spiele für Knappenvereine. Hg. vom Vororts-Präses des Saarbrücker Knappenvereins Wil¬ 
helm, Paderborn 1874. Exemplar LHAK 442/7854, 265 -336. 
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