Full text: Die Anfänge der Bergarbeiterbewegung an der Saar (1848 - 1904)

ordneten Haufens“**, hieß es in dem 1859 erschienenen ßergmannsgebetbuch „Glück 
auf in Christo Jesu“. Dessen Verfasser, der Ottweiler Pfarrer Johann Anton Joseph 
Hansen (1801-1875), bildete die personelle Brücke zwischen den Revolutionsjahren 
und den konfessionellen Vereinsgründungen in der „Reaktionszeit“. Hansen hatte sich 
als Geistlicher der Revolution angeschlossen und wurde 1848 in die preußische Natio¬ 
nalversammlung und im folgenden Jahr für den Wahlkreis St. Wendel —Ottweiler- 
— Saarbrücken in den preußischen Landtag gewählt, in dem er zunächst zur äußersten 
Linken, dann zur gemäßigten Partei Rodbertus gehörte6 7. Nachdem ihm 1853 die Schul¬ 
inspektion entzogen worden war, widmete er sich vorrangig dem Aufbau des katholi¬ 
schen Vereinslebens8. Hansen erkannte die „besondere Hinneigung zum Corporations- 
geiste“9 unter den Bergleuten und gründete am 2. Dezember 1855 in Ottweiler die erste 
St. Barbara-Bruderschaft im Saarrevier mit 147 Mitgliedern10 11. Ihr Zweck war die „För¬ 
derung eines sittlichen und religiös-kirchlichen Lebens sowie einer christlich-liebevollen 
wechselseitigen Ermunterung und Unterstützung“". Das Statut sah zwar auch eine 
Bruderschaftskasse für Unterstützungsfälle vor, aber im wesentlichen beschränkte sich 
das Vereinsleben auf die Pflege eines mit bergmännischer Symbolik verbrämten christ¬ 
lichen Quietismus. Die Mitglieder sollten — so Hansen 1865 — „ihr Ort als diejenige 
Stelle im großen Weinberge Gottes betrachten, die ihnen von der göttlichen Vorsehung 
angewiesen worden, um darauf mit der Gnade Gottes ihre leibliche und geistige Wohl¬ 
fahrt zu erwirken. An dieser Stelle arbeiten sie daher mit christlicher Geduld und Aus¬ 
dauer. Aus des Tages Last machen sie ein Kreuz des Herrn, unter dessen Drucke sie eine 
aufrichtige Ergebenheit in Gottes heiligem Willen bewähren. Dieses Kreuz opfern sie 
Gott täglich auf, um dadurch kleinere Fehltritte abzubüßen und sich einen Schatz für 
den Himmel zu sammeln“12 13. Und im Rückgriff auf die Metaphorik der bergmänni¬ 
schen Standespyramide hieß es eine Seite später: „Im allgemeinen Zechenhause auf der 
großen Halde jenseits des Grabes hoffen sie vom allerhöchsten Schichtmeister aller Stän¬ 
de den schönsten Lohn zu empfangen“". Ähnlich wie bei den bald darauf entstehenden 
Knappenvereinen galt auch hier die Präsidesverfassung, die dem Ortsgeistlichen den 
bestimmenden Einfluß gab, obwohl ein gewähltes Mitglied als Präfekt das „Haupt der 
Bruderschaft“ bildete14. 1863 wurde der Ottweiler Verein zur Erzbruderschaft erho¬ 
6 Hansen: Glück auf in Christo Jesu, S. 8f. Grundhöfer: Chronik, weist darauf hin, daß 
die katholischen Bergleute von Illingen, Schiffweiler, Neunkirchen und Uchtelfangen bereits 
1855 eigene Fahnen besaßen. 
7 Vgl. Hansen: Briefe aus der Preußischen Nationalversammlung 1848/49, hg. von Karl 
Schwingel, Saarbrücken 1931. Noak, S. 167 ff. Bellot, S. 25 f., 29. 
8 Vgl. Hansen: Glück auf in Christo Jesu, S. 27 — 30. Grundhöfer: Vom Revolutionär 
zum heiligmäßigen Priester. Zu den katholischen Vereinsgründungen der 50er Jahre vgl. 
Heitjan, S. 14. Sc h i n d 1 m a y r-R ey 1 e : S. 206 — 213. 
9 Hansen: Vortrag, S. 6. 
10 Ebd., S. 7. Grundhöfer: Chronik. D e rs . : ,, Wiege“ der St. Barbara-Bruderschaft. K i e- 
fer: Organisationsbestrebungen, S. 16. Gabel, S. 32— 34. Vgl. Johann Klein : Die Bru¬ 
derschaften, in: Nach der Schicht 69 (1973), Nrn. 19 — 21. BAT Abt. 71, 55 (Pfarrarchiv Ott¬ 
weiler), Nr. 213: St. Barbara-Bruderschaften in Ottweiler 1854 — 1896; Nr. 214: Gründungs¬ 
akten und weitere Korrespondenzen 1856 — 1924. 
11 Statuten abgedruckt in Hansen : Glück auf in Christo Jesu, S. 47 — 70, Zitat S. 47. 
12 Ders . : Vortrag, S. 8. 
13 Ebd., S. 9. Vgl. ders. : Glück auf in Christo Jesu, S. 37, wo die sozialpazifistische Funktion 
der Religion betont wird, „um den Arbeiter vollends mit seinem Lose zu versöhnen“: „Sie 
predigt fortwährend Gehorsam, Treue und Liehe gegen die Vorgesetzten um des Gewissens 
willen.“ 
14 Statuten, S. 54. Dasselbe galt auch im Ruhrgebiet, vgl. Tenfelde : Sozialgeschichte, S. 363. 
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