Full text: Die Anfänge der Bergarbeiterbewegung an der Saar (1848 - 1904)

Streiks sind in den 50er Jahren Mangelware an der Saar: Im Juli 1857 traten acht bayri¬ 
sche Maurergesellen in Ottweiler für mehr Lohn in den Ausstand; sie flüchteten, als 
man ihnen mit der Gendarmerie drohte19. Im März 1858 streikten elf Zimmerleute der 
Burbacher Hütte; die beiden mutmaßlichen Anführer wurden zu zwei Wochen Ge¬ 
fängnis verurteilt, die übrigen zu je drei Tagen~°. 
3.2 Die katholischen Bergarbeitervereinigungen 
Die Auflösung der ständisch-hierarchischen Ordnung machte den Platz frei für den in¬ 
dividuell bestimmten Zusammenschluß in neuen Institutionen. Interessengebundene, 
statuarisch fixierte Sozialbeziehungen traten an die Stelle ständischer, den gesamten 
menschlichen Lebenskreis umfassender Korporationen. Mit dem Vereinsleben ent¬ 
stand so für den Arbeiter neben Familie und Betrieb eine dritte Ebene sozialer Identi¬ 
tät, in der gruppenspezifische Sinngebung und Geselligkeit zunächst ihren sinnfällig¬ 
sten Ausdruck fanden1. Die Entstehung der ersten Bergarbeitervereinigungen fiel nicht 
umsonst in die Zeit der Bergrechtsreformen. Speziell das Knappschaftsgesetz vom 10. 
April 18542 3 führte zur ,,Reduktion der Knappschaft von einem Instrument der Standes¬ 
pflege auf ihre ursprünglichen Funktionen der Daseins für sorge“'. Ständische Gemein¬ 
schaft transferierte man somit ins Vereinsleben, Knappschaftskultur verwandelte sich 
in Vereinskultur. Die kirchliche Autorität, bürgerliche Organisationsvorbilder des 
Vormärz und die verklärte Erinnerung an die frühere ständische Geschlossenheit stan¬ 
den dabei Pate4. 
Ähnlich wie im Ruhrgebiet bildeten sich auch an der Saar zunächst bergmännische Ver¬ 
eine, die sich sowohl berufsspezifisch absonderten als auch eng an die kirchliche Orga¬ 
nisation anlehnten. Die in anderen Regionen wichtige Durchlaufstation liberal beein¬ 
flußter Arbeiterbildungs- und Konsumvereine5 fehlte; das liberale Bürgertum in den ei¬ 
gentlichen Bergmannsorten war schon rein zahlenmäßig dazu nicht in der Lage. Die er¬ 
sten Bergarbeitervereinigungen an der Saar entstanden also nicht unter Führung der Li¬ 
beralen, sondern der des katholischen Klerus. Das Bewußtsein ständischer Exklusivität 
und die starke konfessionelle Bindung der Bergleute wirkten dabei zusammen. 
,,Die erste Anregung zur Gründung einer Bruderschaft ging von den Bergleuten selbst 
aus, indem sie in verschiedenen Pfarreien anfingen, St. Barbara-Fahnen zu verlangen, 
um damit bei Prozessionen und anderen kirchlichen Feierlichkeiten mehr in ihrer Ge¬ 
samtheit auftreten zu können ... Die Fahne selbst zeigte auf das hin, was zu thun sei; 
denn sie ist ein Zeichen und ein Sinnbild eines geschlossenen Korps, aber keines unge- 
19 S c h i n d 1 m a y r - Re y 1 e, S. 188. 
20 Ebd., S. 189. Todt, S. 114. Horst Kollmann : Die Entstehungsgeschichte der deutschen 
Koalitionsgesetzgebung (= Strafrechtliche Abhandlungen, Bd. 191), Breslau 1916, S. 130 f. 
1 Vgl. Vernon L. Lidtke : Die kulturelle Bedeutung der Arbeitervereine, in: Günter Wiegel¬ 
mann (Hrsg.): Kultureller Wandel im 19. Jahrhundert, Göttingen 1973, S. 146 — 159. 
2 Abgedruckt in ZBHS 2 (1855), S. 117 f. 
3 Tenfelde: Bergmännisches Vereinswesen, S. 320. Vgl. ders.: Sozialgeschichte, S. 
345-349, 362. 
4 Ders. : Bergarbeiterkultur, S. 48 f. 
5 Vgl. Karl Birker : Die deutschen Arbeiterbildungsvereine 1840 — 1870 (= Einzelveröffent¬ 
lichungen der Historischen Kommission zu Berlin, Bd. 10), Berlin 1973. Toni Offermann: 
Arbeiterbewegung und liberales Bürgertum in Deutschland 1850-1863, Bonn 1979. Werner 
Conze: Möglichkeiten und Grenzen der liberalen Arbeiterbewegung in Deutschland. Das 
Beispiel Schulze-Delitzsch, Heidelberg 1965. Für die übrigen Rheinlande vgl. Schindl- 
mayr-Reyle, S. 145 — 153, für Baden vgl. Schadt, S. 29 ff. 
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