Full text: Die Anfänge der Bergarbeiterbewegung an der Saar (1848 - 1904)

,,Bergmannsfreund“30 32, und im Vertrauen auf das kurze Gedächtnis seiner Leser schlug 
er einige logische Kapriolen: Hatte das Blatt kurz zuvor noch jeden Anhänger des RSV 
als versteckten Sozialdemokraten diffamiert, so lobte es jetzt ,,unsere braven Bergleu¬ 
te, die gezeigt haben, daß sie mit den Sozialdemokraten nichts zu thun haben wollen, 
und daß sie sich ihrer Pflicht gegen Kaiser und Reich, König und Vaterland voll und 
ganz bewußt sind“3'. War der RSV für den ,,Bergmannsfreund“ kurz zuvor noch fest 
in sozialdemokratischer Hand, so hieß es jetzt: ,,Ein Vorstoß gegen eine hiesige Arbei¬ 
tervereinigung, dieselbe für sich zu gewinnen, endete mit einem kläglichen Fiaskoc<32. 
Auch die Landräte — durch einen Erlaß des Innenministers zum Nachdenken über ver¬ 
stärkte Repressionen gegen die Sozialdemokratie aufgefordert33 — leisteten sich jetzt 
mehr Ehrlichkeit: Übereinstimmend meinten Helfferich und Bake, daß die Voten bei 
der Reichstagswahl keine Stimmen überzeugter Sozialdemokraten seien, sondern allge¬ 
meiner Ausdruck der Unzufriedenheit34, Allgemein lobte man, daß die Bergwerksdi¬ 
rektion das ,,Prinzip des Zusehens verlassen“ habe und ,,eine kräftige Handhabung des 
Rechts der Arbeitgeber, untaugliche und gefährliche Elemente ohne Weiteres im Wege 
der Kündigung aus der Belegschaft zu entfernen“ an dessen Stelle getreten sei35 36.,, Woll¬ 
te man jetzt eine besondere Agitation gegen die Sozialdemokratie mit Nachdruck hier 
ins Leben rufen, ich glaube, es wäre damit nur öl in das eben verglimmende Feuer ge¬ 
gossen“^, meinte der Ottweiler Landrat von Harlem. 
Im Rechenschaftsbericht des sozialdemokratischen Agitations-Komitees der Rhein¬ 
provinz für 1893 hieß es: ,,Im ganzen Saarrevier dagegen herrschte der weiße Schrek- 
ken als Folge des verunglückten Bergarbeiterstreiks. Die 10000 Stimmen, die unsere 
Partei in den dortigen 4 Wahlkreisen weniger bekommen hat, als bei der Wahl von 
1890, sind keiner anderen Partei zugefallen; der tiefe Groll, der die dortigen Massen er¬ 
griffen hat, ist eher geeignet unsere Gegner mit Angst und Schrecken für die Zukunft zu 
erfüllen, als sie in Siegestaumel ausbrechen zu lassen“37 — eine Euphorie, die durch 
nichts zu belegen war. Auf Initiative des Schneidergesellen Wilhelm Bruns bildete sich 
zwar der ,,Saarlouiser Gesellen-Club“, doch nach der Entlassung des Gründers löste 
sich der Verein am 24. August wieder auf38. Ansonsten herrschte seit Sommer 1893 Sta¬ 
gnation auf ganzer Linie. Man beschränkte sich auf die Verteilung zentraler Flugblätter 
des rheinischen Agitations-Komitees, Versammlungen fanden kaum noch statt39. Em- 
mel war am 1. Mai 1893 wegen Beleidigung der Bergwerksdirektion von der Saarbrük- 
ker Strafkammer zu drei Monaten Gefängnis verurteilt worden, seine Revision wurde 
im September vom Leipziger Reichsgericht als unbegründet verworfen40. In seiner Ab- 
30 Bgmfr. vom 30. 6. 1893 (Nr. 52). Ähnlich RP Heppe/Trier an OP vom 3. 7. 1893, LHAK 
403/6838, 171 - 179. 
31 Bgmfr. vom 20. 6. 1893 (Nr. 49). Ähnlich Brandt, S. 91, der nun den ,,im Grunde gesunden 
Sinn der Bevölkerung“ entdeckt. 
32 Bgmfr. vom 15. 8. 1893 (Nr. 65). 
33 Erlaß IM Eulenburg vom 29. 7. 1893, Abschrift LHAK 442/6221. 
34 LR Helfferich/SLS an RP vom 25. 9. 1893, ebd., 337-342. LR Bake/SB an RP vom 23. 9. 
1893, ebd., 330 f. 
35 LR Bake/SB an RP vom 23. 9. 1893, ebd., 327-336, Zitate S. 332. 
36 LR Harlem/OTW an RP vom 23. 9. 1893, ebd., 309-326, Zitat S. 313. 
37 RZ vom 20. 1. 1893 (Nr. 8). 
38 BM Titz/SLS an LR vom 16. 8. 1893, Abschrift LHAK 403/6838, 387-389. RP i.V. Rosen- 
berg-Gruszynski/Trier an OP vom 7. 9. 1893, ebd., 381 —384. 
39 RP Heppe/Trier an OP vom 3. 2. 1894, LHAK 403/6839, 255 —264, 
40 Bgmfr. vom 5. 5. (Nr. 36) und 22, 9. 1893 (Nr. 76). SBZ vom 20. 9. 1893 (Nr. 220). Wegen 
eines Artikels über die Lage im Saarrevier im ,, Vorwärts“ vom 19.5. 1894 (Nr. 113) wurde auch 
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