Full text: Die Anfänge der Bergarbeiterbewegung an der Saar (1848 - 1904)

sondern die sich in der Sozialdemokratie ausbreitende Skepsis gegenüber Gewerkschaf¬ 
ten und Arbeitskämpfen: Auch Wilhelm Liebknecht sprach in seiner Rede im Bildstok- 
ker Rechtsschutzsaal am 1. Juni 1893 mehr als zwei Stunden über die internationale La¬ 
ge und den Militarismus. Nur am Rande bemerkte er, ,,streiken sei das Dümmste, was 
der Arbeiter machen könnte, das habe sich ja auch in England, Belgien, Frankreich und 
auch hier erwiesen. Durch den Streik mache der Arbeiter sich und seine Familie un¬ 
glücklich und wende dem Arbeitgeber, zumal dem Grubenbesitzer, einen großen Vor¬ 
teil zu, indem derselbe später seine Kohlen um einen höheren Preis losschlagen könne. 
Im Saarrevier hätten sich durch den letzten Streik viele Bergleute unglücklich gemacht 
und wie ihm eben mitgeteilt worden, sei der Rechtsschutzverein total zu Grunde gerich¬ 
tet. Dies Alles sehe der Arbeiter ein und begriffe, daß es so nicht weiter gehen könne, 
es müsse eine große Umwandlung stattfinden“6. Mit Ausnahme von Liebknechts Auf¬ 
treten in Bildstock fand während des Wahlkampfes keine sozialdemokratische Ver¬ 
sammlung im Saarrevier statt, weil kein Gastwirt es wagte, seinen Saal zur Verfügung 
zu stellen. Statt dessen verteilte man in kleinen Trupps Wahlmanifeste und Broschüren: 
,,Selbst der kleinste Ort ist mit Flugblättern geradezu überschwemmt worden“7. Doch 
zum großen Teil wurden die Aufrufe sofort zerrissen, in Scheidt und St. Arnual kam 
es zu tätlichen Übergriffen gegen die Flugblattverteiler8. 
Zwar bildeten einige dauerhaft abgelegte Bergarbeiter neben Handwerksgesellen aus 
den Saarstädten das Hauptkontingent der sozialdemokratischen Wahlhelfer, aber die 
Anteilnahme der Bergleute am Wahlkampf blieb insgesamt höchst gering9 10. ,,Schlägel 
und Eisen“ rief ähnlich wie 1890 zur Wahl von ,,Arbeiterkandidaten“ auf und sprach 
von der ,,Pflicht eines jeden Arbeiters im Saarrevier, solche große ,Fehler1 zu beseitigen 
und nicht länger ,stumm' zu sein“; gemeint waren natürlich die bisherigen Abgeordne¬ 
ten Pfaehler und Stumm13. Doch zu einer von Schillo einberufenen Wählerversamm¬ 
lung in Bildstock am 14. Mai erschienen lediglich 120 Besucher, meist erklärte Sozial¬ 
demokraten, kein aktiver Bergmann darunter. Emmel nutzte die Situation und empfahl 
die sozialdemokratischen Kandidaten als die einzig richtigen für die Bergarbeiter; er¬ 
wartungsgemäß stimmte die Mehrzahl der Anwesenden zu. Schillo forderte zwar die 
Kandidatur eines parteilosen Bergmannes, aber er fand keinen Anhang. Daraufhin 
schloß er die Versammlung mit der Bemerkung, ,,daß lediglich durch das Sicheinmen- 
6 Bgmfr. vom 6. 6. 1893 (Nr. 45). BM Forster/Friedrichsthal an LR vom 2. 6. 1893, Konzept 
SAFR, Best. RSV, 571 —573, Abschrift LF1AK 442/6315. Stenographisches Versammlungs¬ 
protokoll BM Försters vom 1. 6. 1893, SAFR, Best. RSV, 569 f. SZ vom 2. 6. 1893 (Nr. 127). 
EW vom 11.6. 1893 (Nr. 24). Laut Förster waren etwa 800 Besucher zu Liebknechts Rede er¬ 
schienen. ,,Darunter befanden sich ungefähr 300 Sozialdemokraten. Der Rest bestand aus 
Grubenbeamten, Lehrern und sonstigen Personen, die aus Neugierde gekommen waren“. In 
der Literatur wird diese Versammlung lediglich von Beilot, S. 189, kurz erwähnt. Zu Lieb¬ 
knecht vgl. Wadim Tschubinski: Wilhelm Liebknecht. Eine Biographie, Berlin 1973. 
Raymond Hunter D o m i n i c k : Wilhelm Liebknecht and German Social Democracy 
1869 — 1900, Diss. Chapel Hill 1973. Friedrich Wilhelm Weitershaus: Wilhelm Lieb¬ 
knecht. Das unruhige Leben eines Sozialdemokraten. Eine Biographie (= Mitteilungen des 
Oberhessischen Geschichtsvereins NF, Bd. 61), Gütersloh - Giessen 1976. Wolfgang Schrö¬ 
der: Wilhelm Liebknecht. Vorkämpfer der Revolution von unten, in: Gustav Seeber (Hrsg.): 
Gestalten der Bismarckzeit, Berlin 1978, S. 79 — 105. 
7 RP Heppe/Trier an OP vom 3. 7. 1893, LHAK 403/6838, 171 — 179, Zitat S. 175. 
8 EW vom 28. 5. 1893 (Nr. 22). LR Bake/SB an RP vom 25. 5. 1893, LHAK 442/4408. 
9 RP Heppe/Trier an OP vom 3. 7. 1893, LHAK 403/6838, 171 - 179. 
10 Schlägel und Eisen vom 13. 5. 1893 (Nr. 31). 
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