Full text: Die Anfänge der Bergarbeiterbewegung an der Saar (1848 - 1904)

etwa 30% der Baukosten deckten64 65. ,,Es ist dabei ein Arbeiterstand gewonnen worden, 
der die Gruben nicht verläßt, und der immer neue Arbeiter für dieselben erwachsen 
läßt“*'*’, urteilte Oberberghauptmann Heinrich von Dechen 14 Jahre später. Neben ei¬ 
ner Kostenersparnis im Vergleich zum Bau von Schlafhäusern oder grubeneigenen 
Mietwohnungen66 gab auch hier die Kombination von betrieblicher Sozialpolitik und 
betriebsinterner Herrschaftssicherung den Ausschlag. § 6 der Zulassungsbestimmun¬ 
gen ließ die Vergabe von Prämien und Darlehen nur bei guter Führung zu, nach § 12 
konnten diese Summen bei Disziplinarverfahren oder Ablegung sofort zurückgefordert 
werden. Dasselbe traf zu, wenn ein Bergmann während der über 10 Jahre laufenden 
Rückzahlfrist die Grube verlassen wollte67. Die im Saarrevier ohnehin geringe Mobili¬ 
tätschance war damit noch mehr eingeschränkt, die Abhängigkeit mindestens ebenso 
stark wie bei den im Ruhrgebiet gebräuchlichen Zechensiedlungen mit ihrer Koppelung 
von Miet- und Arbeitsvertrag68. 
Als Instrument der Konfliktregelung stand der Beschwerdeweg allen Bergleuten offen. 
Sahen sie sich in ihren Ansprüchen verletzt, so konnten sie sich an das Bergamt, im Re¬ 
kurs an das Oberbergamt und den zuständigen Ressortminister, letztlich in Form einer 
Immediateingabe an den Monarchen selber wenden. Während Arbeiterkoalitionen ver¬ 
boten waren, garantierte die ständische Bergbauverfassung mit ihrer Verschränkung 
von Privilegierung und Disziplinierung, von Rechtlichkeit und Subordination somit ei¬ 
ne Form der Interessenartikulation, die die Einklagbarkeit begründeter Rechtstitel zu 
erlauben schien69. 
Doch daneben bildete sich seit Beginn des 19. Jahrhunderts im Schoß der ständischen 
Bergbauverfassung eine Schicht heraus, deren Status bereits dem des freien Lohnarbei¬ 
ters glich. Diese unständigen Bergleute wurden von den Revierbeamten nach den je¬ 
weiligen Produktionsbedürfnissen für vier Wochen als Tagelöhner angelegt70 71; die feh¬ 
lende Sicherheit des Arbeitsplatzes korrespondierte mit weit geringeren Knappschafts¬ 
rechten '. Wenn auch das Knappschaftsstatut vom 20. Januar 1839 3:1 als numerisches 
64 Die wichtigsten Passagen von Sellos Denkschrift ,,über die Vermehrung der Arbeiter auf den 
Saarbrücker königl. Steinkohlengruben“ finden sich abgedruckt bei Fehn: Grundzüge, S. 
246-248. Vgl. Beck, Bd. 2, S. 224. Klaus-Michael Mallmann: Preußischer Bergfiskus 
und Siedlungspolitik. Eine Betrachtung über die Anfänge von Prämienhausbau und Berg¬ 
mannskolonien an der Saar, in: GL 154/1976. Parallel zu vorliegender Arbeit erscheint Klaus 
Fehn: Die Siedlungspolitik des preußischen Bergfiskus im saarländischen Bergbaugebiet 
(= Veröffentlichungen des Instituts für Landeskunde des Saarlandes, Bd. 27), Saarbrücken 
1981. 
65 Heinrich von Dechen: Die Beschaffung von Bergmannswohnungen in dem Saarbrücker 
Steinkohlenrevier, in: ZBHS 2 (1855), S. 94 — 96, Zitat S. 95. 
66 Ebd., S. 94, 96. Vgl. J. Käst: Uber Arbeiterwohnungen im Bergbau Preußens, in: ZBHS 35 
(1887), S. 153 - 165. 
67 Vorschriften über die Gewährung von Hausbau-Prämien und Vorschüssen, in: Beilage zum 
Bgmfr. vom 7. 3. 1873 (Nr. 10). Vgl. Gronerad, S. 131 ff. 
68 Vgl. Robert Hundt: Bergarbeiterwohnungen im Ruhrrevier, Berlin 1902. Irmgard Lange- 
Kothe : Hundert Jahre Bergarbeiterwohnungsbau, in: Der Anschnitt 2 (1950), S. 7— 19. Jo¬ 
sef Lang: Die geschichtliche und räumliche Entwicklung des Bergarbeiterwohnungsbaus im 
Ruhrgebiet, Diss. Köln 1952. Zu Oberschlesien vgl. Kurt Seidl: Das Arbeiterwohnungswe¬ 
sen in der oberschlesischen Montanindustrie, Kattowitz 1913. 
69 Vgl. Tenfelde: Sozialgeschichte, S. 431 —434. 
70 Vgl. Hans Bläs: „Ständige“ und „unständige“ Bergleute im Saarland, in: GL 37/1963. 
Brandt, S. 35. Noak, S. 148 f. E. Müller, S. 29. Wächtler: Geschichte, S. 259 ff. 
71 Im knappschaftlichen Verhältnis blieb diese Differenzierung auch nach der Bergrechtsreform 
bestehen, vgl. E. Müller, S. 111, 114 f. Noch 1890 standen 22 137 ständigen Knappschafts¬ 
mitgliedern 7045 Unständige gegenüber, Arbeiterbelegschaft 1890, S. 2. 
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