Full text: Die Anfänge der Bergarbeiterbewegung an der Saar (1848 - 1904)

mittelbar von Maßregelungen betroffen waren. Auch die Querelen mit Dasbach und 
die Auseinandersetzungen um die Teilnahme am Pariser Kongreß dürften dazu beige¬ 
tragen haben. Vor allem aber zeigten sich hier die Grenzen des bisherigen Bewußtseins: 
Nachdem Berlepsch die „Völklinger Beschlüsse“ abschlägig beschieden hatte, konnte 
man sich zwar nach wie vor auf das Kaiserwort von den ,,Musteranstalten“ berufen, je¬ 
doch kaum noch auf die Unterstützung des Ministers rechnen. Die bislang vorgestellte 
Identität von „oben“ und „unten“ geriet damit ins Wanken, die dem „Neuen Kurs“ 
entliehenen Legitimationsmuster waren tendenziell verbraucht, sozialdemokratische Al¬ 
ternativen gewannen mit dem Verlust dieses Weltbildes an Glaubwürdigkeit. Wenn 
man auch nach wie vor die alte Einheit von Kaiser und Arbeiter beschwor, so war der 
RSV dennoch mit diesem Ausstand objektiv in das Stadium einer Gewerkschaft einge¬ 
treten, die neue Rechte auch gegen den Widerstand der Staatsspitze erkämpfen wollte. 
Daß dieser Konfliktlage im RSV noch kein einheitliches Konfliktbewußtsein ent¬ 
sprach, stellte der Mai-Streik 1891 unter Beweis. 
„Äußerungen wie früher , Wir sind die Herren der Welt ‘ usw. hört man jetzt nicht mehr 
in den Versammlungen“45, berichtete Regierungspräsident von Heppe anschließend. 
Das naive Machtbewußtsein machte der Ernüchterung, aber auch neuen Überlegungen 
Platz; der Widerspruch zwischen vergangenheits- und gegenwartsbezogenen Kognitio¬ 
nen brach endgültig auf. Im RSV begann die Phase der Polarisierung und partiellen Ra¬ 
dikalisierung. 
9.9 Die Widerspiegelung in Bergmannslied und -gedieht 
Im Saarrevier sind erst seit 1850 eigene Bergmannslieder überliefert1: „Wie edel ist das 
Bergmannsleben“2, „Das bergmännische Leben“3, „Bergleut zu Häuf rufen: Glück 
auf4, „Glück auf'3, „Glück auf, Glück auf! Der Bergmann kommt“6 — das heutige 
„Steigerlied“ — sowie „Bergmannsblut hat frischen Mut“7. Diese Lieder waren teils 
Eigendichtungen, teils Nachahmungen. Durchweg knüpften sie an die Tradition der 
Standespreislieder an. Das Leben verläuft hier in geordneten Bahnen zwischen Schacht 
45 RP Heppe/Trier an OP vom 4. 7. 1891, LHAK 403/6833, 731 —743, Zitat S. 732. 
1 Heilfurth: Bergmannslied, S. 36. Vgl. Carl K ö h 1 e r : Unsere Bergmannslieder. Von der 
Saar, in: Bgmfr. vom 11. 4. (Nr. 15) und 18. 4. 1890 (Nr. 16). Klaus-Michael Mallmann/ 
Gerhard Bungert: Zwischen Lohnarbeit und Kapital. Auch an der Saar gab es frühe Ge¬ 
dichte über das soziale Elend, in: Arbeitnehmer 24 (1976), S. 402 f. 
2 Text abgedruckt in Köhler/Meier, S. 333 f. und in Heilfurth : Bergmannslied, S. 546. 
Belegstellen bei Köhler/Meier, S. 450 und Heilfurth : Bergmannslied, S. 722 f. 
3 Text und Melodie abgedruckt in Köhler/Meier, S. 334 f. und in Heilfurth: Berg¬ 
mannslied, S. 538 — 540. Belegstellen bei Köhler/Meier, S. 451 und Heilfurth: Berg¬ 
mannslied, S. 718. 
4 Text abgedruckt in Köhler/Meier, S. 335 f. und Hei 1 f urth : Bergmannslied, S. 376 f. 
Belegstellen bei Köhler/Meier, S. 451 und Heilfurth : Bergmannslied, S. 594. 
5 Text und Melodie abgedruckt in Köhler/Meier, S. 336 f. und Heilfurth: Bergmanns¬ 
lied, S. 516 f. Belegstellen bei Köhler/Meier, S. 451 und Heilfurth: Bergmannslied, 
S. 699-701. 
6 Text und Melodie abgedruckt in Köhler/Meier, S. 33 7 f. und Heilfurth: Bergmanns¬ 
lied, S. 429 — 439. Belegstellen bei Köhler/Meier, S. 451 f. und Heilfurth: Berg¬ 
mannslied, S. 636 — 643. Vgl. Gerhard B ungert /Klaus-Michael Mallmann : „Glückauf, 
der Steiger kommt“ oder „Deutsch ist die Saar“. Die Geschichte eines Liedes, in: SH 21 
(1977), S. 196 f. 
7 Text abgedruckt in Köhler/Meier, S. 338 und Heilfurth: Bergmannslied, S. 540 f. 
Belegstellen bei Köhler/Meier, S. 452 und Heilfurth : Bergmannslied, S. 718. 
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