Full text: Die Anfänge der Bergarbeiterbewegung an der Saar (1848 - 1904)

berichtete der Ottweiler Landrat am 8. April 1852. ,,Wohl ihm, wenn er ihn findet! Ist 
das aber nicht der Fall und treffen ihn gar Unglücke, so verarmt er. Der Klügere, Wei- 
tersehendere sieht ein solches Ende entweder für sich oder doch für seine Kinder voraus. 
Er entschließt sich deshalb beizeiten, sich in Amerika ein besseres Los zu suchen ... Mei¬ 
ner Überzeugung nach wird deshalb die Auswanderungslust mit jedem Jahr mehr um 
sich greifen, und werden zuletzt nur noch sehr Wohlhabende, Bettelarme und Bergleute 
Zurückbleiben“16 19. 
Neben einer verstärkten Auswanderung nach Ubersee1' bot die Abwanderung in die 
Gruben eine Überlebenschance — ,,eine sehr beschwerliche und ungesunde Arbeit ..., 
der sich nur die unterziehen, welche sich sonst zu Hause nicht zu ernähren wissen“ls, 
wie der Dudweiler Bürgermeister 1846 feststellte. ,,War der Übergang zum Industrie¬ 
arbeiter beim Großbauern eine Ausnahme, beim Mittelbauern eine zuletzt ziemlich 
häufige Erscheinung, so ist er beim Kleinbauern die Regel“]‘\ beschrieb Schorr den 
Einfluß der Industrialisierung auf die sich auflösende agrarische Sozialstruktur an der 
Saar. Insbesondere traf dies auf das Hunsrückvorland zu. Hier war bereits 1820 eine 
Bevölkerungsdichte von 52,4 Einwohnern pro qkm vorhanden, höher als im Saarkoh¬ 
lenwald mit 39,0/qkm20. 
Obwohl sich die Belegschaft der preußischen Saargruben infolge der Bahn- und Kanal¬ 
bauten der 50er und 60er Jahre mehr als verdreifachte21, blieb die grundlegende Ar¬ 
beitsmarktstruktur des Überangebots von Arbeitskraft auch in der Folgezeit kon¬ 
stant22. Immer noch stieg der Prozentanteil der landwirtschaftlichen Kleinstbetriebe 
unter 2 ha kontinuierlich an23: 
Kreis 
1882 
1895 
1907 
Saarbrücken 
82,95 
82,51 
87,51 
Saarlouis 
63,15 
67,64 
75,00 
Merzig 
57,87 
58,68 
64,16 
Ottweiler 
69,32 
71,74 
78,74 
St. Wendel 
42,27 
42,68 
47,14 
,,Der Kleinbauer befindet sich seit mehr denn 10 Jahren in ununterbrochenem Rück¬ 
gänge ... Ohne daß im letzten Jahrzehnt eigentliche Mißernten zu verzeichnen waren, 
16 Zit. bei Josef Mer gen : Die Auswanderungen aus den ehemals preußischen Teilen des Saar¬ 
landes im 19. Jahrhundert (I), Voraussetzungen und Grundmerkmale (= Veröffentlichungen 
des Instituts für Landeskunde des Saarlandes, Bd. 20), Saarbrücken 1973, S. 290 f. 
17 Vgl. ders.: Umfang und Gründe der Amerika-Auswanderung aus dem Saarland in der er¬ 
sten Hälfte des 19. Jahrhunderts (1800 — 1852), in: SBH 12, 1960, S. 68 — 78. Als Ortsstudie 
Johann Engel: Tausend Jahre Hasborn-Dautweiler. Ein Heimatbuch, Hasborn-Dautweiler 
1964, S. 146- 154. 
18 Zit. bei Blickle, S. 300. 
19 Schorr, S. 24. Vgl. Straus, S. 38 f. 
20 Rixecker, S. 76. 
21 1850 betrug die Belegschaft 4 580 Mann, 1860 12 159, 1870 15662, Haßlacher: Geschichtli¬ 
che Entwicklung, S. 165 f. Vgl. Kurt Hoppstädter: Die Entstehung der saarländischen Ei¬ 
senbahnen (= Veröffentlichungen des Instituts für Landeskunde des Saarlandes, Bd. 2), Saar¬ 
brücken 1961. Hans Körner: Geschichte des Saarkohlenkanals, in: SBK 1949, S. 99 — 103. 
22 Zu Einwohnerzahl und Bevölkerungsdichte in den einzelnen Kreisen 1843 bzw. 1900 vgl. die 
Tabellen bei Schnur, S. 112, sowie Robert Capot-Rey: La región industrielle sarroise. 
Territoire de la sarre et bassin houiller de la moselle, Paris 1934, S. 472. 
23 Schnur, S. 104. 
22
	        

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