Full text: Die Anfänge der Bergarbeiterbewegung an der Saar (1848 - 1904)

neun RSV-Vertreter hielten sich strikt an ihren Auftrag. „Um unsere Forderungen zu 
erlangen, brauchen wir keine Sozialdemokraten zu werden“3,s, betonte Schillo, und als 
ein Essener Delegierter auf politische und religiöse Fragen einging, verließen Hell¬ 
brück, Müller und Berwanger unter Protest den SaalW „Der Kaiser habe treffliche 
Worte zu den westfälischen Arbeitgebern gesprochen, aber man kehre sich nicht dar¬ 
an“, stellte Berwanger fest. Auch Thome kritisierte die Verschleppung der Petitionen 
und die Rechtlosigkeit der Arbeiterausschüsse: „Wer steckt hinter solchen Zuständen? 
Unser Kaiser gewiß nicht; es ist eben der Kapitalismus, der das zuwege bringt“''0. Dem¬ 
gegenüber sprach sich Siegel gegen die Abfassung neuer Bittschriften aus, da sie in Berlin 
„einfach in den Papierkorb“ geworfen würden. Es werde „von den Regierungen nichts 
getan. Sie haben die vielen Klagen der Bergleute gehört. Ich bin nicht für eine Massen¬ 
petition, sondern nur für eine Resolution, in der wir unsere Wünsche ausdrük- 
ken“38 4I. Der Kongreß folgte diesem Vorschlag. Der einstimmig angenommene „Be¬ 
schlußantrag“ wandte sich allgemein an die „gesetzgebenden Körperschaften und Mini¬ 
sterien“ und verlangte, „daß diese Forderungen in kurzer Frist im Sinne der Antragstel¬ 
ler . . . zur Erledigung gebracht werden“: Achtstundentag, Minimallohn von 4 M. für 
Hauer, Wegfall des „Nullens“, Schiedsgerichte, unbeschränkte Freizügigkeit inner¬ 
halb der deutschen Knappschaftsbezirke, freie Ärztewahl, Verbot der schwarzen Li¬ 
sten und Zurücknahme der Maßregelungen42 43. Klaus Tenfelde sieht in diesem Schritt 
zurecht die tendenzielle Abkehr von Denk- und Verhaltensmustern der vorliberalen 
Rechtsordnung: „Für die Bergarbeiterschaft verband sich gerade mit dem Übergang 
vom älteren Beschwerde- und Eingabewesen zu den neuen Formen der Verbandspoli¬ 
tik, von der individuellen und Gruppenpetition um wirkliche und vermeintliche Rechte 
zur Resolution als einer den Verhältnissen und Aktionsformen der organisierten Mas¬ 
sengesellschaft entsprechenden, auf bloße Willensäußerung zielenden, grundsätzlich 
kollektiven Maßnahmen die endgültige Lösung aus den überkommenen obrigkeitlichen 
Denk- und Verhaltensmustern . . . der Konfliktregelung“'0. Allerdings sollte man die 
Dauer dieses Umorientierungsprozesses gerade im Saarrevier nicht unterschätzen. Je¬ 
der Rückschlag auf dem nun beschrittenen Weg verlieh der bereits überwunden ge¬ 
glaubten Handlungsalternative erneute Attraktivität. 
Die Gründung einer nationalen Bergarbeiterorganisation war von Anfang an unum¬ 
stritten. „Wahrung und Förderung der geistigen, gewerblichen und materiellen Inter¬ 
essen seiner Mitglieder“ bezeichnete das Statut als Zweck des Verbandes, „Streitigkei¬ 
ten der verschiedenen Konfessionen und politischen Parteien“ sollten „total ausge¬ 
38 SZ vom 18. 9. 1890 (Nr. 218). Nicht zu Unrecht betonte Schillo in einer Püttlinger Versamm¬ 
lung am 2. Dezember 1891, „daß ihm als Christ die Pflicht obliege, gegen die Sozialdemokra¬ 
tie Front zu machen, was er auch in Halle gethan“, BM Pickard/Püttlingen an LR vom 5. 12. 
1891, KrASB S/7, Abschrift LHAK 442/4274. 
39 SJZvom 23. 9. 1890 (Nr. 223). Selbst B ra n d t, S. 78, mußte feststellen: ,,Erfreulicherweise 
machten die Delegierten von der Saar in Halle gegen das Bestreben, die Bewegung zur Sozial¬ 
demokratie überzuleiten, Front“. 
40 Zit. bei Hue : Bergarbeiter, Bd. 2, S. 412. Vgl. die Kongreßberichte in SZ vom 18. 9. (Nr. 
218), 19. 9. (Nr. 219), 20. 9. (Nr. 220) und 21. 9. 1890 (Nr. 221) sowie SJZ vom 17. 9. (Nr. 
218), 18. 9. (Nr. 219), 20. 9. (Nr. 221) und 22. 9. 1890 (Nr. 222). 
41 Verhandlungen des I. Deutschen Bergarbeitertages in Halle/S., abgehalten vom 15. bis 19. 
September 1890 in Sanows Restaurant, Steinweg Nr. 13, o. O. o. J., S. 66. 
42 Abgedruckt bei (Rei s m a n n - G ro n e), S. 17. Imbusch, S. 327 f. Hue: Bergarbeiter, 
Bd. 2, S. 414 f. 
43 Tenfelde: Gewalt und Konfliktregelung, S. 214. Ähnlich ders . : Sozialgeschichte, S. 595, 
sowie Ritter/Tenfelde, S. 86 f. 
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