Full text: Die Anfänge der Bergarbeiterbewegung an der Saar (1848 - 1904)

Denkfehler seiner Konzeption — die Negation der bestehenden Arbeiterorganisatio¬ 
nen. Dennoch bedeutete dieser Schritt noch keine Abkehr vom „Neuen Kurs“. Unter 
großem Beifall erklärte König: „Wir müssen uns fragen, ob wir durch die Beschickung 
hei Seiner Majetät nicht anstoßen. Der Kaiser habe für sie ein warmes Herz und seine 
wohlwollenden Absichten würden mit der Zeit schon verwirklich werden. Es fehle nur 
an den Personen, welche mit der Ausführung beauftragt seien. Seine Majestät werde 
auch diesem Uhelstande ahhelfen . . . Einig aber wird der Verband nur bleiben, wenn 
die sozialdemokratische Agitatoren mit demselben nichts zu thun haben“. „Wenn der 
Delegiertentag oder später der Verband eine sozialdemokratische Richtung einschlage, 
so könnten sie sich ja fernhalten bzw. wieder zurücktreten“, beruhigte man jedoch. Au¬ 
ßerdem sei die politische Neutralität im Statut vorgesehen26. 
In diesem Sinne wählten die einzelnen Berginspektionen im Laufe des August ihre De¬ 
legierten: Andre für Ensdorf27, Schillo für Gerhard28, Wagner für Von der Heydt29, 
Hellbrück für Dudweiler30, Thome für Sulzbadr’1, Mohr für Reden, Berwanger für 
Heinitz32, Müller für Friedrichsthal33, Fox für Camphausen und Göttelborn34; ledig¬ 
lich Neunkirchen beteiligte sich nicht. „Man wolle mit den Sozialdemokraten absolut 
nichts zu thun haben; der Vertreter bekomme den Auftrag, sich an den Verhandlungen 
nicht zu betheiligen, sobald er merke, daß sozialdemokratische Tendenzen, verfolgt 
würden“35 37, beschloß man prototypisch in Walpershofen, und der Püttlinger Vertrau¬ 
ensmann Altmeyer bekräftigte erneut das Vertrauen in die Februarerlasse: „Seme Ma¬ 
jestät wünsche den Arbeitern alles gute, aber die Unterbeamten führten diese Wünsche 
nicht aus“216. Die Beschickung des Hallenser Kongresses war keine Ausdruck einer Ra¬ 
dikalisierung im RSV. Nach wie vor baute man auf die Einheit von „Bergherrn“ und 
Bergmann, von Kaiser und Arbeiter. Berlepschs Ablehnung der „ Völklinger Beschlüs¬ 
se“ gab jedoch den Anstoß, das eigene Protestrepertoire zu erweitern. Ähnlich wie im 
Mai-Streik 1889 folgte man dem Vorbild der übrigen Reviere, um nicht den Anschluß 
zu verpassen. 
Vom 15. bis 19. September 1890 tagte der erste deutsche Bergarbeiterkongreß in Halle. 
43 Delegierte vertraten 236 300 Bergleute im Ruhrgebiet, Saarrevier, Lothringen, Saar¬ 
pfalz, Aachener Revier, Niederschlesien, Königreich und Provinz Sachsen,7. Die 
26 BM Forster/Friedrichsthal an LR vom 4. 8. 1890, Konzept SAFR, Best. RSV, 262 f., Ab¬ 
schrift LHAK 442/4304, 183 f. SJVZ vom 4. 8. 1890 (Nr. 178). SJZ vom 4. 8. 1890 (Nr. 180). 
SZ vom 5. 8. 1890 (Nr. 180). Kiefer: Organisationsbestrebungen, S. 37 f. 
27 KD Ruff/SLS an RP vom 28. 8. 1890, LHAK 442/4304, 335 f. 
28 Gendarm Hellmuth/VK an LR vom 11.8. 1890, KrASB S/5. 
29 BM Speicher/Riegelsberg an LR vom 21. 8. 1890, ebd. 
30 PK Wetzel an BM Petermann/Dudweiler vom 8. 8. 1890, Abschrift ebd. 
31 Gendarm Kiepcke an BM Woytt/Sulzbach vom 7. 8. 1890, Abschrift ebd. 
32 LR Tenge/OTW an RP vom 25. 8. 1890, LHAK 442/4304, 285-288. 
33 KD Kiefer/SB an RP vom 12. 8. 1890, KrASB S/5. 
34 Gendarm Ulitzsch an BM Cloos/Heusweiler vom 15. 8. 1890, ebd. PK Wetzel an BM Peter¬ 
mann/Dudweiler vom 22. 8. 1890, ebd. 
35 BM Speicher/Riegelsberg an LR vom 12. 8. 1890, KrASB S/10, Abschrift LHAK 442/4304, 
275. 
36 BM Pickard/Püttlingen an LR vom 25. 8. 1890, KrASB S/5. 
37 Zur gewerkschaftlichen Entwicklung im Braunkohlenbergbau vgl. Helmut Seidl: Streik¬ 
kämpfe der mittel- und ostdeutschen Braunkohlenbergarbeiter von 1890 bis 1914 (— Freiber¬ 
ger Forschungshefte, D 47), Leipzig 1964. Frank Förster: Senftenberger Revier 
1890 — 1914. Zur Geschichte der Niederlausitzer Braunkohlenindustrie vom Fall des Soziali¬ 
stengesetzes bis zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges (= Deutsche Akademie der Wissen¬ 
schaften zu Berlin. Schriftenreihe des Instituts für sorbische Volksforschung in Bautzen, Bd. 
37), Bautzen 1968. 
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