Full text: Die Anfänge der Bergarbeiterbewegung an der Saar (1848 - 1904)

Unter dem Titel „Uber die Mittel, den Arbeitern der staatlichen Bergwerke, Hütten 
und Salinen eine gute Lebenslage zu sichern“, legte Huyssen dem Minister am 18. April 
1890 eine umfassende Denkschrift vor. ,,Es sind der Hauptsache nach die alten Wege“, 
befand er eingangs, ,,um das erhabene Ziel, diese Werke in vollem Sinne zu Musteran¬ 
stalten zu machen, zu erreichen“11. Im Kern ging es Huyssen um eine Neubelebung 
des ständischen Korpsgeistes durch Förderung der Bergmannstracht, Feste, Morgen¬ 
andachten, Knappenvereine, Chöre und Kapellen. In der „alten bergmännischen Ein¬ 
richtung der Einteilung der Arbeiter nach ihrer Verwendung und der von ihnen erlern¬ 
ten Geschicklichkeit in verschiedene Grade“ erblickte er „ein vorzügliches Mittel . . ., 
das um so wirksamer ist, je schärfer man die Einteilung durchführt, je bestimmter man 
daran festhält und je mehr man das Aufrücken von einem niederen zu einem höheren 
Grade mit einem gewissen Ceremoniel umgibt“. Außerdem sei „eine merkliche Abstu¬ 
fung der Lohnsätze nach den Arbeitergraden zu erstreben“. Auch „Abzeichen für 
langjährige Dienstzeit“ sowie Treueprämien, die beim Eintritt in den Invalidenstand 
ausbezahlt werden sollten, erörterte Huyssen in diesem Kontext12. Da die jüngeren 
Bergleute „bei den neuerlichen Arbeiterbewegungen . . . das Streiken und die Aus¬ 
schreitungen als Sport betreiben“ würden, sei auch hier anzusetzen: Sparzwang, Aus¬ 
zahlung des Lohnes an die Eltern, ,,schärfere Disziplinarstrafen“ und „Einschränkung 
des Wirtshausbesuchs“13. Die Stellung der Beamten müsse gestärkt werden, da die Dis¬ 
ziplin „beim Bergwesen ebenso notwendig (sei) wie beim Militär“. Darum stelle auch 
die „Entlassung der unruhigen, zur Verführung der übrigen Arbeiter geeigneten und 
geneigten Leute“ ein „unentbehrlich(es)“ Mittel dar, könne „freilich für die nächste 
Zeit nur mit größter Vorsicht angewendet werden“14. Daneben empfahl Huyssen eine 
Intensivierung der Sozialmaßnahmen wie Lesezimmer, Kaffeeküchen, Werksparks, 
Kindergärten, Badeeinrichtungen und Schlafhäuser. Der Erwerb von Grundeigentum 
sei ebenso wie die Verpachtung von Acker- und Gartenland beizubehalten, da so „die 
Leute an das Werk (ge)fesselt“ würden. Der Schwerpunkt müsse jedoch auf dem Bau 
von Werkswohnungen liegen, deren Mietverträge an das Beschäftigungsverhältnis ge¬ 
koppelt seien. Auch „die Einführung des . . , Systems der Auf- und Abwärtsbewegung 
der Lohnsätze je nach dem Steigen und Fallen der Produktenpreise“ sei „zu erwä- 
gen“'5. 
Berlepsch machte sich diese Gedankengänge vollständig zu eigen und erweiterte sie 
durch den Vorschlag der Gewinnbeteiligung16; sie sollten gewissermaßen den ständi¬ 
schen Unterbau seiner sozialintegrativen Maßnahmen bilden. Doch beide Vorhaben 
scheiterten. Auf Anraten der Oberpräsidenten von Koblenz und Münster mußte Ber¬ 
lepsch Abstand von seinem Lieblingsprojekt, den Bergbau-Gewerbekammern, neh¬ 
men, da die Kammern nunmehr als Konzession an die Arbeiterbewegung verstanden 
würden17. Eine Konferenz der Bergbehörden und -Verwaltungen im Dezember 1890 in 
Berlin kritisierte insbesondere die Vorstellungen über Gewinnbeteiligung, gleitende 
Lohnskalen, Treueprämien und die Behandlung der jugendlichen Arbeiter. Daraufhin 
11 Krins, S. 22. 
12 Ebd., S. 23. 
13 Ebd., S. 24. 
14 Ebd., S. 26. 
15 Ebd., S. 25. 
16 Kirchhoff, S. 118 f, 
17 OP Studt/Münster an HM vom 30. 3. 1890, Abschrift LH AK 403/8169. OP Nasse/Koblenz 
an HM vom 5. 4. 1890, ebd. Vgl. Kirchhoff, S. 103. 
198
	        

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