Full text: Die Anfänge der Bergarbeiterbewegung an der Saar (1848 - 1904)

Man rezipierte Edward P. Thompsons methodischen Ansatz — die Rekonstruktion der 
spezifischen sozialen Logik durch Decodierung der Handlungsabläufe’1 —, begann, die 
von Negt/Kluge eingeführte Kategorie der „proletarischen Lebenssituation“22 histo¬ 
risch-empirisch zu füllen. Diese Verknüpfung von Arbeitergeschichte und Arbeiterbe¬ 
wegungsgeschichte gelang insbesondere den Arbeiten von Erhard Lucas, Ulrich Engel¬ 
hardt und Klaus Tenfelde, mit denen ,,ein neues Kapitel in der Historiographie zur Ge¬ 
schichte der deutschen Arbeiterbewegung“ begann33. 
Diesem Ansatz — der Aufspürung des konkreten Zusammenhangs zwischen sozial¬ 
ökonomischer Lage, Bewußtseinsbildung, Organisation, Bewegung und Politik der 
Arbeiter und damit der Vermittlungsmechanismen zwischen Ökonomie, Sozialstruk¬ 
tur und Politik34 — ist auch die vorliegende Studie verpflichtet. Die Geschichte der Ar¬ 
beiterbewegung wird als kollektiver Lernprozeß begriffen; aus der Gemengelage von 
Anpassungszwängen, Konfliktäußerungen, Aufstiegschancen und -erwartungen, dem 
Wandel der Existenzbedingungen und Wertorientierungen wird versucht, die Entste¬ 
hung von Bewußtseinslagen und Konfliktstrategien zu analysieren. Da Denk- und Ver¬ 
haltensformen Produkt der alltäglichen Erfahrungsweise sind und nicht automatisch als 
„Durchgangsstadien“ zu irgendeinem Idealtypus „proletarischen Bewußtseins“ ver¬ 
standen werden können, kam es entscheidend darauf an, aus den objektiven und sub¬ 
jektiven Bedingungen heraus die Gesamtheit der verhaltenskonstitutiven Merkmale 
herauszuschälen und erklärend zu verknüpfen. Betrieb und Haushalt, Arbeit und 
Nicht-Arbeit, Produktion und Reproduktion werden als Einheit begriffen, aus deren 
Konnex sich Konfliktverhalten erst konkret entwickelt. 
Trotz, besser: wegen ihrer sektoralen und regionalen Begrenztheit stieß die vorliegende 
Fallstudie auf eine schwierige Quellenlage: Die internen Akten des Rechtsschutzver¬ 
eins wurden bei der Organisationsauflösung 1896 vernichtet35, die wenigen erhaltenen 
Nummern des Vereinsorgans „Schlägel und Eisen“ mußten in sieben verschiedenen 
Archiven zusammengesucht werden36. Die Zeit des Sozialistengesetzes hinterließ na¬ 
turgemäß nur eine geringe Anzahl parteiinterner Schriftstücke, die amtlichen Akten re¬ 
gistrierten in dieser Phase nur Oberflächenvorgänge37; zudem ordnete der preußische 
Industrialisierungsprozeß. Herkunft, Lage und Verhalten (= IndustrielleWelt, Bd. 28), Stutt¬ 
gart 1979, S. 494 -512. 
31 Vgl. Dieter G r o h s : Einführung zu Edward P. Thompson: Plebeische Kultur und morali¬ 
sche Ökonomie. Aufsätze zur englischen Sozialgeschichte des 18. und 19. Jahrhunderts, 
Frankfurt-Berlin-Wien 1980, S. 5 — 28. Befruchtend wirkt nach wie vor Thompson: The 
Making of the English Working Class, London 1963. In der Bundesrepublik wurde Thomp- 
sons Ansatz erstmals nutzbar gemacht durch Michael V e s t e r : Die Entstehung des Proleta¬ 
riats als Lernprozeß. Die Entstehung antikapitalistischer Theorie und Praxis in England 
1792- 1848, Frankfurt 1970. 
32 Oskar N e g t / Alexander Kluge: Öffentlichkeit und Erfahrung. Zur Organisationsanalyse 
von bürgerlicher und proletarischer Öffentlichkeit, Frankfurt 1972, S. 24, 28 f. 
33 Dirk H. Müller, in: IWK 14 (1978), H. 1, S. 125. Ähnlich überschwenglich Peter N. 
Stearns : Sozialgeschichte der Bergarbeiter im internationalen Vergleich, in: GG 4 (1978), S. 
551-559. Sehr kritisch dazu René Ott: Eine neue „Sozialgeschichte der Arbeit“? Zwei 
exemplarische Untersuchungen zur Geschichte der Arbeiterklasse in Deutschland im 19. 
Jahrhundert, in: Jahrbuch Arbeiterbewegung, Bd. 6. Frankfurt 1979, S. 305-316. 
34 Programmatisch formuliert von Jürgen Kocka: Arbeiterkultur als Forschungsthema, in: 
GG 5 (1979), S. 5 — 11. Vgl. Tenfelde: Sozialgeschichte, S. 23 f. 
35 August Jenal an BM/Friedrichsthal vom 27. 8. 1896, SAFR, Best. RSV, 634. 
36 KrASB, SAFR, SANK, LASP, LHAK, HStAD, IISG. 
37 Vgl. Hellfaier: Sozialdemokratie, S. 17-39. 
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