Full text: Die Anfänge der Bergarbeiterbewegung an der Saar (1848 - 1904)

des Vereinsgesetzes zu gewinnen“24. Doch die Einleitung eines Strafverfahrens schei¬ 
terte daran, daß der Verband an der Ruhr zu diesem Zeitpunkt noch nicht als politi¬ 
scher Verein behandelt wurde25. 
Versammlungen mußten 24 Stunden vorher angemeldet werden. Polizisten und Bür¬ 
germeister hatten als Überwachungsorgane Zutritt. Jeder Redner, jedes gesprochene 
Wort wurde protokolliert; mit der ersten Post am nächsten Tag ging der Bericht an den 
Landrat, der in Verbindung mit der Staatsanwaltschaft die strafrechtliche Relevanz 
prüfte26. Wenn ,,Anträge oder Vorschläge erörtert werden, die eine Aufforderung oder 
Anreizung zu strafbaren Handlungen enthalten“, mußte die Versammlung laut § 5 
aufgelöst werden. Zudem wurde es für die Bergarbeiter seit Oktober 1889 immer 
schwieriger, Versammlungssäle zu finden, da sich vor allem die Wirte der Saarstädte 
nunmehr weigerten, ihre Lokale zu vermieten bzw. die Zusage im letzten Moment 
rückgängig machten. Inwieweit dies ,,lediglich aus dem freien Entschluß der betreffen¬ 
den Wirte hervorgegangen ist“27, wie der Regierungspräsident auf eine Beschwerde 
Warkens antwortete, ist zweifelhaft. Die Behörden konnten über die Erteilung der 
Tanzerlaubnis, die Ansetzung öffentlicher Termine in den Lokalen und die Kontrolle 
der Polizeistunde Druck auf die Wirte ausüben28; zumindest der Malstatt-Burbacher 
Bürgermeister Meyer gab auch offen zu, daß ,,auf (s)ein Hinwirken hin“ Saalvermie¬ 
tungen rückgängig gemacht worden seien29. In jedem Falle aber waren die Polizeiorga¬ 
ne seit Herbst 1889 mit Versammlungsauflösungen schnell bei der Hand. Wegen „auf¬ 
reizender Reden“ oder „respektloser Äußerungen“ brachen die Behörden in den näch¬ 
sten Monaten Versammlungen in Bildstock30, Schiffweiler31, Neunkirchen32, Heiligen¬ 
wald33, Wahlschied34, Neumünster35, Urexweiler36, Sulzbach37, Püttlingen38, Dud- 
24 RP Pommer-Esche/Trier an IM vom 18. 10. 1889, LHAK 442/4138. Vgl. BM Forster/Fried- 
richsihal an SA Hepner/SB vom 27. 10. 1889, Kr ASB S/4a. Die Idee entstand während einer 
Konferenz des Regierungspräsidenten mit Oberbergrat Nasse am 12. Oktober. 
25 LR zur Nedden/SB an RP vom 22. 12. 1889, KrASB S/4a. 
26 LR zur Nedden/SB an Warken vom 21. 10. 1889, Abschriften LHAK 442/4138 und SAFR, 
Best. RSV, 136. IM Herrfurth an RP/Trier vom 14. 12. 1889, Abdruck LASB, Dep. BMA 
Sulzbach, F 68, Nr. 1, 26 — 28. LR Bake/SB an die Kreisbürgermeister vom 3.1. 1892, ebd., 
38. Vgl. Harro-Jürgen Rejewski: Die Pflicht zur politischen Treue im preußischen Beam¬ 
tenrecht 1850 — 1918, Berlin 1973. Lysbeth W. Muncy: The Prussian Landräte in the last 
years of the Monarchy: A case study of Pommerania and the Rhineland in 1890 — 1918, in: 
Central European History 6 (1973), S. 300 — 337. 
27 RP Pommer-Esche/Trier an Warken vom 28. 1. 1890, Abschrift KrASB S/10. Abschrift der 
undatierten Beschwerde Warkens an den OP, ebd. 
28 Vgl. Saul: Der Staat und die „Mächte des Umsturzes“, S. 307. 
29 BM Meyer/Malstatt-Burbach an LR vom 19. 12. 1892, KrASB S/7. 
30 BM Forster/Friedrichsthal an LR vom 31. 10. 1889, SAFR, Best. RSV, 143 — 147. Beschwerde 
des RSV-Vorstandes an LR/SB vom 19. 1. 1891, KrASB S/10. Bescheid LR zur Neddens vom 
21. 1. 1891, Abschrift LHAK 442/4254. Als Förster am 6. Januar 1891 im Kron’schen Saal ei¬ 
ne Ausmessung nach Quadratmetern vornahm und hunderte von Bergleuten vor die Tür ver¬ 
wies, schrieb dieSJVZvom 7. 1. 1891 (Nr. 5) treffend: „Mag auch der Herr Bürgermeister der 
Ansicht sein, nur dem Gesetz zu seinem Rechte verholfen zu haben, die Bergleute faßten diese 
Art Anwendung gesetzlicher Vorschriften als neue Unterdrückung auf‘. 
31 BM Bettingen/Scniffweiler an LR vom 28. 10. 1889, Abschrift LHAK 442/4138. Gendarm 
Luban an BM Bettingen/Schiffweiler vom 7. 3. 1890, Abschrift LHAK 442/4169. 
32 SBZ vom 21. 12. 1889 (Nr. 297). LR Tenge/OTW an RP vom 12. 10. 1890, LHAK 442/4254. 
33 Oberwachtmeister Stephan an LR/OTW vom 30. 3. 1890, Abschrift LHAK 442/4169. 
34 BM Cloos/Heusweiler an LR vom 8. 9. 1890, Abschrift LHAK 442/4304, 357 — 359. 
35 Oberwachtmeister Stephan an LR/OTW vom 13. 10. 1890, Abschrift LHAK 442/4254. 
36 BM Collet/Alsweiler an LR vom 9. 12. 1890, Abschrift ebd. Selbst das Innenministerium hielt 
diese Auflösung für „nicht gerechtfertigt“, vgl. IM Herrfurth an RP/Trier vom 23. 5. 1891, 
Abschrift KrASB S/3. 
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