Full text: Die Anfänge der Bergarbeiterbewegung an der Saar (1848 - 1904)

men‘ lassen“53, referierte Goldner seine Ausführungen im Wiederanstellungsgesuch. 
Die Bergwerksdirektion verwarf die erneute Einstellung, da sie in Goldners Äußerun¬ 
gen den ,,betrübende(n) Beweis“ erblickte, „daß die unbotmäßigen demokratischen 
Anschauungen der Jetztzeit bereits anfangen, auch in die Steigerkreise einzudringen“; 
Minister Berlepsch schloß sich an54. Der Steigerverband war damit von Anfang an in 
seine Schranken verwiesen. Die Verleihung der Staatsbeamtenqualität an Steiger, Koh¬ 
lenmesser und Grubenwächter am 1. Juli 189 1 55 nahm einer möglicherweise oppositio¬ 
nellen Verbandsarbeit den letzten Wind aus den Segeln. 
Während im RSV an der Saar die im Streik gefundenen Organisationsstrukturen gewis¬ 
sermaßen kontinuierliche Formen annahmen, mußte an der Ruhr um einen Kompro¬ 
miß zwischen den verschiedenen Organisationsansätzen gerungen werden: Sowohl die 
im Streik gewählten Delegierten von 66 Zechen als auch die Vertreter von 44 freien 
bzw. konfessionellen Knappenvereinen trafen sich schließlich am 18. August 1889 in 
Dorstfeld und gründeten den ,, Verband zur Wahrung und Förderung der bergmänni¬ 
schen Interessen in Rheinland und Westfalen“5*3, seit 1890 allgemein „Alter Verband“ 
genannt. Der Ausbau des Fusangel’schen Rechtsschutzvereins zur Gewerkschaftsorga¬ 
nisation stand nie zur Debatte, weil man sich wohl von dessen konfessionspolitischem 
Ballast befreien wollte57. Die Generalversammlung am 27. Oktober 1889 bestimmte 
den parteilosen Kaiser-Delegierten Fritz Bunte zum Vorsitzenden; der übrige Vor¬ 
stand bestand mehrheitlich aus Christlich-Sozialen, teils aus erklärten Sozialdemokra¬ 
ten58. Aus beiden Gründen distanzierte sich die Zentrumspresse des Ruhrgebietes von 
Anfang an von dem neuen Bergarbeiterverband59. Der an der Saar noch verdeckte Kon¬ 
flikt erwies sich an der Ruhr seit der Gewerkschaftsgründung als organisationsspren¬ 
gend; der Erfahrungshorizont war hier breiter, die Frontstellungen aber auch dement¬ 
sprechend tiefer. 
53 Gesuch Goldners an HM vom 3. 6. 1890, HStAD, Best. OBA Bonn, Nr. 3549, 351 — 353, Zi¬ 
tat S. 352. 
54 Stellungnahme Nasse/BWD zum Fall Goldner vom 19. 6. 1890, ebd., 355 — 357, Zitat S. 357. 
Bestätigung HM Berlepschs vom 5. 7. 1890, ebd., 358. 
55 Pilger: Ausbildungswesen, S. 20, Fn 39. 
56 Vgl. Protokoll des Bergarbeiter-Delegiertentages zu Dorstfeld am 18. August 1889, hektogra- 
phiertes Ms., o. O. o. J. Glückauf/Zwickau vom 31. 8. 1889 {Nr, 35). Imbusch, S. 
290 — 311. Hue: Bergarbeiter, Bd. 2, S. 382 — 384. Koch, S. 48 f. Hartmann, S. 
177— 186. Statut in Glückauf/Zwickau vom 7. 9. 1889 (Nr. 36), abgedruckt bei Imbusch, 
S. 692 — 695. Während im Protokoll Gastdelegierte aus Sachsen, Niederschlesien und Aachen 
namentlich aufgeführt wurden, ist die Teilnahme von Vertretern des Saarreviers hier nicht ab¬ 
zulesen, obwohl sie amtlicherseits unterstellt wurde. Vgl. RP Winzer/Arnsberg an RP/Trier 
vom 26. 8. 1889, LHAK 442/4138. Nach Angaben des Vorstandes zählte der „Alte Verband“ 
im Januar 1890 bereits 23992 Mitglieder. Vgl. Imbusch, S. 337. Hue : Bergarbeiter, Bd. 
2, S. 394 f. Zur weiteren MitgJiederentwicklung vgl. Fritsch, S. 143, Fn 44. 
57 Hue: Bergarbeiter, Bd. 2, S. 337, bezeichnete den Fusangel’schen RSV rückblickend als 
„brauchbare Grundlage für eine den modernen Ansprüchen genügende Gewerkschaftsorgani¬ 
sation“. 
58 Protokoll der (II.) Generalversammlung des „Verbandes zur Wahrung und Förderung berg¬ 
männischer Interessen“ am 27. Oktober 1889 im „Schützenhofe“ zu Bochum, hektographier- 
tes Ms., o. O. o. J. Vgl. Koch, S. 49 f. Bei Hue und Imbusch beginnen hier die Interpreta¬ 
tionsdifferenzen: Während Hue darauf beharrt, dem Vorstand habe kein „durchgebildeter 
Sozialdemokrat“ angehört (Neutrale oder parteiische Gewerkschaften, S. 64), datiert Imbusch 
die spätere politische Orientierung einfach zurück - beides unzulässige Verfahren, die den 
Sachverhalt verdunkeln, aber ein Schlaglicht auf die Legitimationsabsichten beider Autoren 
werfen. 
59 Vgl. Hartmann, S. 187 — 191. 
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