Full text: Die Anfänge der Bergarbeiterbewegung an der Saar (1848 - 1904)

meister Försters Verzeichnissen 2013924 und hatte damit ihren Gipfelpunkt erreicht. 
Legt man für diesen Zeitpunkt eine Gesamtbelegschaftszahl von 29611 zugrunde2^, 
dann ergibt sich ein Organisationsgrad von 68% — eine Zahl, die im gesamtdeutschen 
Maßstab 1892 lediglich von den Glacehandschuhmachern mit 76,7% übertroffen wur¬ 
de26. Ende März 1892 meldete Förster 20124 Mitglieder27, Anfang 1893 belief sich die 
Zahl auf 2011828. 
War der RSV ursprünglich als dauerhafte Interessenvertretung der vier Inspektionen 
geplant gewesen, die im Mai 1889 gestreikt hatten, so ergab sich angesichts seiner 
schnellen regionalen Ausdehnung der Zwang zur Aufnahme neuer Vorstandsmitglie¬ 
der. Bildstock blieb zwar Zentrum, aber auch die weiter entfernt liegenden Berg¬ 
mannsorte mußten sich im Vorstand repräsentiert sehen können, wenn der Verein 
durch sein quantitatives Wachstum nicht scheitern wollte. Eine Vertrauensmänner¬ 
versammlung in Altenwald am 8. Dezember 1889 bestimmte darum Georg Wagner aus 
Hixberg zum Stellvertreter Warkens. Außerdem wählte man Wilhelm Zumpf/Alten- 
wald, Karl Nieser/Dudweiler und Leonhard Schwarz/Wiebelskirchen neu in den Vor¬ 
stand29. Daneben scheint es größere Meinungsverschiedenheiten in der bisherigen Bild- 
stocker Führungsgruppe gegeben zu haben: Auf Vorschlag Warkens wurde Johann 
Werny am 12. Januar 1890 ausgeschlossen, weil er wegen eines Sittlichkeitsverbrechens 
vor 20 Jahren zu einer einjährigen Gefängnisstrafe verurteilt worden war; Jakob Wag¬ 
ner und Matthias Klasen schieden freiwillig aus dem Vorstand aus. Ob es sich dabei um 
den — in dieser Phase noch an anderen Punkten zu beobachtenden — Versuch handelt, 
einen bürgerlich-lupenreinen Vorstand zu schaffen, ob hier Meinungsverschiedenhei¬ 
ten um die regionale Ausweitung ausgetragen wurden oder ob tiefergehende politische 
Differenzen über das weitere Vorgehen zugrunde lagen, muß Gegenstand von Mutma¬ 
ßungen bleiben. Dieselbe Vertrauensmänner-Versammlung wählte Karl Nieser zum 
stellvertretenden Präsidenten des RSV30 31. Doch bereits am 30. März bestimmten die 
Vertrauensmänner Jakob Thome aus Altenwald zum Vizepräsidenten und damit zum 
amtierenden Vorsitzenden, da Warken mittlerweile eine neunmonatige Haftstrafe ab¬ 
saß. Als Hauptgrund für Niesers Abwahl diente die „zu weite Entfernung . . . vom 
Vereinslocal“. Bürgermeister Förster mutmaßte statt dessen, „daß der wirkliche 
Grund die Religion von Nieser . . . gewesen ist“il, was im Klartext bedeuten würde, 
daß Nieser evangelisch war. Diese Interpretation ist keineswegs unzutreffend, denn zu 
diesem Zeitpunkt dominierte der Zentrumseinfluß im RSV-Vorstand noch eindeutig. 
24 LR Bake/SB an RP vom 28. 9. 1891, LHAK 442/4274. RP Heppe/Trier an OP vom 2. 10. 
1891, LHAK 403/6834, 435. Ein Namensverzeichnis der 138 Vertrauensmänner von Sommer 
1891 findet sich im SAFR, Acta RSV. 
25 Belegschaftsnachweis incl. Pferdeknechte Ende März 1891, LHAK 442/4380. 
26 Correspondenzblatt der Generalkommission der Gewerkschaften Deutschlands vom 27. 6. 
1892 (Nr. 14), abgedruckt auch bei W. Schröder: Klassenkämpfe und Gewerkschaftsein¬ 
heit, S. 62 und Klaus, S. 42. 
27 BM Forster/Friedrichsthal an LR vom 20. 7. 1892, KrASB S/10. 
28 Aktennotiz BM Forster/Friedrichsthal vom 3. 1. 1893, SAFR, Best. RSV, 435. Hue: Neu¬ 
trale oder parteiische Gewerkschaften, S. 69, teilt zwar unter Bezugnahme auf mündliche In¬ 
formationen mit, „daß der Verein nie auf mehr als 12 — 13 000 zahlende Mitglieder rechnen 
durfte“, aber selbst damit wäre der respektable Organisationsgrad von etwa 40% erreicht 
worden. 
29 BM Woytt/Sulzbach an LR vom 9. 12. 1889, Abschrift LHAK 442/4377. Warken an BM For¬ 
ster/Friedrichsthal vom 8. 12. 1889, SAFR, Best. RSV, 164. 
30 BM Forster/Friedrichsthal an LR vom 13. 1. 1890, SAFR, Best. RSV, 178. SJZ vom 14. 1. 
1890 (Nr. 11). SZ vom 22. 1. 1890 (Nr. 18). 
31 BM Forster/Friedrichsthal an LR vom 10. 4. 1890, SAFR, Best. RSV, 213. 
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