Full text: Die Anfänge der Bergarbeiterbewegung an der Saar (1848 - 1904)

auf ein kontradiktorisches Verfahren in Form von Kreuzverhören. Statt dessen befrag¬ 
te man zunächst die aussagebereiten Bergleute auf der Grundlage eines oberbergamtli¬ 
chen Fragebogens und legte dann die Beschwerden den Berginspektionen vor. Deren 
Aussagen kamen den Arbeitern nicht mehr zu Gesicht, Erwiderungen waren also aus¬ 
geschlossen. Auch auf die Vernehmung unabhängiger Dritter verzichtete man völlig. 
Die schmale quantitative Basis der Untersuchung wurde dadurch noch mehr relativiert. 
Trotz dieser von bürgerlichen Sozialreformern wie Max Quarck11 kritisierten methodi¬ 
schen Mängel, die eine Aufdeckung von Mißständen in größerem Maßstab verhinder¬ 
ten12 13, brachten die befragten Saarbergleute umfangreiche Beschwerden über Korrup¬ 
tion, Schichtdauer, Lohn und Wahlbeeinflussungen vor. „Die Gruben konnten nicht 
mehr so bestehen, und die Bergleute auch nicht“, schloß Warken seine Aussage, ,,denn 
wenn ich alles könnte wahr machen, was ich noch weiß, dann würde Seine Majestät 
weinen, wenn es zu seinem Gehör käme“12. In ihrem Schlußbericht problematisierte 
die Untersuchungskommission die Gedingeversteigerung und konstatierte eine Ein¬ 
schränkung des Beschwerdeweges, ,,weil die Betroffenen sich von der 'Willkür der Vor¬ 
gesetzten Beamten bedrückt glaubten und den Weg der Beschwerde zu der höheren In¬ 
stanz für erfolglos oder unmöglich hielten“14. Speziell für Berginspektion Friedrichsthal 
stellte man fest, ,,daß die Bestechlichkeit unter dem dortigen Beamtenpersonal in einer 
bedenklichen Weise um sich gegriffen hat“15. Darum schlug man Disziplinarmaßnah- 
men gegen die belasteten Steiger vor sowie ein Verbot der Privatarbeit ohne Erlaubnis 
und der Annahme von Geschenken; als Präventivmaßnahme forderte man gleichzeitig 
eine Einkommensaufbesserung für die 2. Steigerklasse16. 
Maybach befahl daraufhin, ,,gegen die Saarbrücker Beamten mit aller Schärfe vor- 
(zu)gehen“, wie er Hammacher am 9. Oktober 1889 mitteilte17. Sechs Steiger und ein 
Kohlenmesser wurden entlassen, drei kamen ihrer Kündigung durch freiwilliges Aus¬ 
scheiden zuvor18. Außerdem gab der Minister die Anweisung, aus der Arbeitsordnung 
alle Bestimmungen zu streichen, die eine Beschwerdeführung erschwerten. Steiger soll¬ 
ten zukünftig zunächst auf Gruben in Entfernung vom Wohnort angelegt werden, bis 
sie sich als ,,unparteiisch“ erwiesen hätten19. Gleichzeitig erhöhte man die Gedinge um 
11 Als Redakteur der liberalen ,,Frankfurter Zeitung“ hielt sich Quarck Ende Mai 1889 im Saar¬ 
revier auf, vgl. BM Woytt/Sulzbacn an LR vom 28. 5. 1889, KrASB S/2. 
12 Das Organ des ,, Vereins für bergbauliche Interessen“, Glückauf/Essen vom 15. 3. 1890 (Nr. 
22), schrieb sogar von einer „für unseren Kohlenbergbau so ehrenden amtlichen Denkschrift“, 
während der erzkonservative anonyme Verfasser der Broschüre „Wohin steuern wir?“, S. 15, 
feststellte: „Viel Makulatur und dann einige wenige brauchbare Fingerzeige!“ Vgl. von Th ü- 
n a : Denkschrift über die Untersuchung der Arbeiter- und Betriebsverhältnisse in den Stein¬ 
kohlenbezirken, in: JNS 55 (1890), S. 58 — 65. 
13 Aussage Warkens am 21. 7. 1889, LASB 564/770, 140 — 154, Zitat S. 153. Die übrigen Aussa¬ 
gen ebd., 155— 178. Kommissionsberichte Von der Heydt, Sulzbach, Reden und Heinitz, 
LHAK 403/7042, 987-1004. 
14 Schlußbericht der Untersuchungskommission an OBA vom 13. 8. 1889, LHAK 403/7042, 
1015-1070, Zitat S. 1035. 
15 Ebd., 1062. 
16 Protokoll der Schlußsitzung der Untersuchungskommission vom 7. 8. 1889, ebd., 
1005-1014. 
17 Seeber/Wittwer, S. 450. Ähnlich Herrfurth am gleichen Tag, ebd., S. 448. 
18 Stellungnahme Nasse/BWD zur Immediateingabe vom 6. 1. 1890, Auszug KrASB S/4a. 
Hinckeldey/BWD an SA Hepner/SB vom 21. 11. 1889, LASB 564/770, 47 — 49. Hinckeldey/ 
BWD an SA Mallmann/Trier vom 14. 11. 1889, ebd., 478 f. B r a n d t, S. 63, gibt irrigerweise 
die Zahl 15 an. 
19 MÖA Maybach an BWD vom 15. 6. 1889, Abschrift HStAD, Best. OBA Bonn, Nr. 2250, 33 f. 
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