Full text: Grundlegung der Ethik als Wissenschaft

die Lebenseinheit, selbst garnicht ein Bewußtsein ist. Wir hätten 
es also auch hier mit der Umdichtung der Lebenseinheit in ein 
Lebewesen und zwar in ein Rewußtseinswesen zu tun, gegen 
die um der Wissenschaft willen nicht scharf genug Einspruch 
erhoben werden kann. Es heißt aber den schon angerichteten 
Wirrwrar noch verstärken, wenn man anstatt der die Sitte an¬ 
geblich befehlenden Lebenseinheit die Sitte selbst als das For¬ 
dernde einsetzt, indem man das Kunststück fertig bringt, ein 
Allgemeines, wie es doch die Sitte ist, in ein Einziges, nämlich 
in ein forderndes und gebietendes Bewußtsein umzusetzen: 
solche Dichtung bringt nicht Klarheit, sondern führt schnur¬ 
stracks in den Nebel hinein. 
Woraus mag indes die nicht zu leugnende Gewohnheit zu 
erklären sein, die Lebenseinheit von Bewußtseinswesen zu einem 
besonderen Bewußtsein umzudichten, das an ihre Lebensein- 
heitler Forderungen und Befehle („du sollst“) richtet? 
Bei jeder Forderung und jedem Gebot setzt das gebietende 
Bewußtsein voraus, daß das andere Bewußtsein, dem befohlen 
wird, auch anders wollen könne, als wie das gebietende 
Bewußtsein befiehlt. Ohne die Voraussetzung des anderen 
Bewußtseins mit den beiden Möglichkeiten, zu wollen und 
nicht zu wollen, was befohlen wird, hätte das „du sollst“ des 
Gebieters schlechterdings keinen Sinn. Mit Recht können wir 
die Worte „Spare doch deine Worte, ich tue schon ohnedies, 
was du willst“, zur Bestätigung heranziehen. Daß nun auch, 
wann immer es um Sitte sich handelt, das einzelne Bewußtsein 
auf alle Fälle mit den zwei Möglichkeiten, der Sitte entsprechend 
oder widersprechend zu wollen, bedacht ist, leidet keinen 
Zweifel. Was wir Sitte nennen, wäre im Gegebenen überhaupt 
nicht zu finden, wenn diese beiden Möglichkeiten für das 
menschliche Bewußtsein nicht beständen. Ja, wir dürfen noch 
weiter gehen und sagen: ohne diese beiden Möglichkeiten für 
das Wollen gibt es nicht nur keine „Sitte“, sondern tatsächlich 
auch keine Lebenseinheit menschlicher Bewußtseinswesen. 
H
	        

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