Full text: Grundlegung der Ethik als Wissenschaft

,,der Sitte gemäß“ deuten demzufolge auch nur auf diese 
Lebensführung. Wer von „Sitte“ und „der Sitte gemäß“ spricht, 
hat immerhin eine Mehrzahl von Bewußtseins wesen in Le bens- 
ei n he it d.h. eine aui das einige Wollen dieser Bewußtseinswesen 
gestellte Einheit vor sich und faßt insbesondere die Lebens¬ 
führung des einzelnen Bewußtseins als Lebenseinheitlers ins 
Auge, der eben selber, ist und bleibt er anders Lebenseinheitler, 
gar nicht anders kann, als diese Lebensführung wollen. Diese 
Notwendigkeit ist vor allem festzuhalten, eine Mahnung, die 
angesichts der leidigen Gepflogenheit, das „muß“ mit dem „soll“, 
die Notwendigkeit mit der Forderung zu verquicken und zu 
vertauschen, nur allzu begründet, ist. 
„Im Bilde sprechen“ oder „veranschaulichen“ ist sicherlich, 
wenn es gilt, einen Gedanken zu erläutern, nicht gering anzu¬ 
schlagen, aber auch bei dem zutreffendsten Bilde müssen wir 
auf der Hut sein, ihm nicht die Stelle des in Frage kommenden 
Gedankens selbst einzuräumen; jedes Bild hat nur wirklichen 
Wert für diejenigen, denen der im Bilde erläuterte Gedanke 
für sich selbst schon ein bestimmtes Gegebenes ist. Dies trifft 
auch zu für die so mannigfachen Lebenseinheiten menschlicher 
Bewußtseinswesen, die allesamt das, was wir „Sitte“ nennen, 
ihren „Mitgliedern“ oder „Gliedern“ zu bieten haben. Gehört 
es doch zu den gewöhnlichsten Redewendungen: „diese Gesell¬ 
schaft oder der Verein oder der Staat fordert von mir, dies zu 
wollen und zu tun“, oder „ich, der ich dieser Gesellschaft oder 
diesem Verein oder diesem Staat zugehöre, soll dies wollen und 
tun“. Auch wer in solchen Fällen statt „soll“ das Wort „muß“ 
verwendet, meint nach alter Übung doch das „soll“. Wer diese 
Redewendung hört, wird, wenn wir ihn daran errinnern, daß 
menschliches Bewußtsein, das Lebenseinheitler ist, seine Lebens¬ 
einheit will und jegliches, was aus ihr fließt, wollen muß, doch 
wohl stutzen, daß er, was er als Lebenseinheitler tun muß, 
tun solle. Indessen ließe er sich wohl zunächst damit beru¬ 
higen, daß das, was er selbst wollen muß, überdies auch nö< 
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