Volltext: Grundlegung der Ethik als Wissenschaft

das Wollende für das andere Bewußtsein eine Wesen Veränderung 
„von Klarheit zur Unklarheit“ wollte. Es bleibt uns demnach 
für „sittliches“ Wollen aus Liebe2, da wir das Mitleids¬ 
wollen schon vorher haben abweisen müssen, nur das selbst¬ 
lose und stellvertretende Wollen übrig, das auf Klarheit des 
anderen Bewußtseins zielt. 
Jedoch auch diese Antwort auf die Frage „was ist sittlich?“: 
„aus Liebe2 dem anderen Bewußtsein Klarheit wirkenwollen“, 
also Wesens Veränderung dieses Bewußtseins von Unklarheit zu 
Klarheit wollen: bedarf noch einer näheren Bestimmung. Denn 
nicht dahin ist das Klarheit wollen für anderes Bewußtsein zu 
verstehen, daß dieses gewollte Klarwissen sich auf alles Gegebene 
erstrecke, sondern das sittlich wollende Bewußtsein hat allein 
im Auge das Selbstbewußtsein des anderen Bewußtseins. 
Um die Veränderung des anderen Bewußtseins im Selbstbe¬ 
wußtsein, im Sichselbstwissen, handelt es sich allein für 
das sittlich Wollende, um die Veränderung von unklarem 
zu klarem Selbstbewußtsein des anderen Geistes, was 
wir auch kurzweg Selbsterkenntnis des anderen Bewußtseins 
nennen können, wenn uns dieses Wort nichts mehr als „klares 
Selbstbewußtsein“ bedeutet, also nicht den Gedanken des wis sen - 
schaftlich erfaßten Selbst einschließt. Denn nicht um wissen¬ 
schaftliche Einsicht in das eigene Wesen handelt es sich, wenn 
wir vom „klaren“ Selbstbewußtsein reden, sondern nur um 
Sichselbstwissen des betreffenden Einzelwesens, was es in Wahr¬ 
heit ist. Wir könnten darum auch, anstatt von klarem und un¬ 
klarem, von wahrem und falschem Selbstbewußtsein reden, und 
dieses klare oder wahre Selbstbewußtsein menschlichen Geistes 
ist nicht an wissenschaftliche Erkenntnis gebunden. Der Kron¬ 
zeuge hierfür ist die Tatsache, daß auch „schlichtes“ mensch¬ 
liches Bewußtsein lieben1 d. i. mit anderem Bewußtsein sich 
einswissen kann: dieses Sicheinswissen aber ist dem mensch¬ 
lichen Geist ohne klares Selbstbewußtsein nicht möglich. 
Wir alle kennen aus eigener Erfahrung die Verschiedenheit
	        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.