Full text: Grundlegung der Ethik als Wissenschaft

Ist nun der Gegenstand der einzelnen Wissenschaft Beson¬ 
deres, so wird die Einführung in jede Wissenschaft darauf be¬ 
dacht sein, daß der Blick der Einzuführenden mit Sicherheit 
auf dieses Besondere sich einstellt, so daß sie darüber nicht im 
Zweifel sind, um welches Gegebene es sich in dieser besonderen 
Wissenschaft handelt. Das Gegebene solcher Wissenschaft ist 
also immer schon irgendwie bestimmtes Gegebenes und als 
solches auch schon durch ein besonderes Wort gezeichnet, das 
dem Einzuführenden gleichsam den Führer zu dem Gegen¬ 
stände der besonderen Wissenschaft abgeben muß. 
Diese Kennzeichnung des Gegenstandes leistet aber nicht für 
jede Wissenschaft in sicherer Weise den Führerdienst. Zwar 
nicht wenige Wissenschaften sind in der Lage, mit ihrem kenn¬ 
zeichnenden Stichworte schon hinreichende Führung zu ihrem 
besonderen Gegenstand zu geben, so z. B. die Mathematik als 
Raum- und Zahllehre in den Worten „Raum und Zahl“, die 
Physik als Körperlehre in dem Worte „Körper“, die Sprach¬ 
wissenschaft in dem Worte „Sprache“, Keine dieser Wissen¬ 
schaften findet sich daher aus eigenem Interesse noch zu der 
Frage veranlaßt „was ist Raum oder Zahl“, „was ist Körper“, 
„was ist Sprache“; finden sie doch bei jedem schon genügendes 
Verständnis ihrer Stichworte inbetreff des Gegenstandes als be¬ 
sonderen Gegebenen. So treten diese Wissenschaften auch eine 
jede in bewußter Selbständigkeit auf den Plan uud haben nicht 
auf die Beantwortung von Fragen Rücksicht zu nehmen, die 
zwar auch ihr Gegebenes wohl berühren, aber doch außerhalb 
des fachwissenschaftlichen Rahmens fallen, da sie grundwissen¬ 
schaftlicher Natur sind. Wir müssen indes, ohne die Selbständig¬ 
keit dieser Wissenschaft antasten zu wollen, doch darauf auf¬ 
merksam machen, daß ihre Selbständigkeit nicht als wissen¬ 
schaftliche Selbstherrlichkeit auszulegen ist, als ob nämlich die 
Beantwortung grundwissenschaftlicher Fragen, die eben das Ge¬ 
gebene der betreffenden Wissenschaften berühren, für diese ohne 
jegliche Bedeutung wäre; indes, wie man zu sagen pflegt, es 
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