Full text: Grundlegung der Ethik als Wissenschaft

denn, wenn man auch zustimmen muß, daß Veränderung des 
Bewußtseins in seiner zuständlichen Bestimmtheit etwas 
anderes bedeute, als eine Veränderung des Bewußtseins in seinem 
Wesen, so wird man wohl stutzen vor der Behauptung einer 
„Wesensveränderung“, will sagen, Veränderung menschlichen 
Bewußtseins in seinem Wesen. Freilich ist ein menschliches 
Bewußtsein ein Einzelwesen, also Veränderliches, und die Be¬ 
hauptung, daß ein Einzelwesen in seinen verschiedenen Be¬ 
stimmtheiten Veränderung, also Wechsel von Bestimmtheits¬ 
besonderheiten erfahre, wird niemand beanstanden; aber in sol¬ 
cher Veränderung des Einzelwesens bleibt doch sein Wesen be¬ 
stehen, und wo immer wir wenigstens in der Dingwelt uns 
umsehen, ist Wesens Veränderung eines Dinges niemals anzu¬ 
treffen. Sagen wir von einer Anzahl Dingen, sie seien gleichen 
Wesens oder, was dasselbe sagt, eines und desselben Wesens, so 
erweist sich ein jedes als eine Besonderung dieses Wesens, 
mag dieses nun „Ding“ oder „Kernfrucht“ oder „Apfel“ heißen.1 
Aber in seinem Wesen verändert sich das besondere Ding, die 
besondere Kernfrucht, der besondere Apfel trotz aller Verände¬ 
rung in seinen Bestimmtheiten gar nicht, es bleibt vielmehr 
immer desselben Wesens, oder aber es vergeht überhaupt. 
Indes nicht alles, was vom dinglichen Einzelwesen gilt, trifft 
auch für das geistige Einzelwesen, das Bewußtsein zu, und wenn 
es auch wahr ist, daß die Dinge in ihrem Wesen keine Verände¬ 
rung erfahren, ist hiermit doch keineswegs auch einer Wesens¬ 
veränderung des Geistes schon das Urteil gesprochen, da das 
Wesen der Bewußtseinswesen Wissen ist, das Wesen der Ding¬ 
wesen dagegen eine Summe von einfachen Bestimmtheiten aus¬ 
macht, die eine jede mit einer Besonderheit in Einheit ver¬ 
knüpft die Augenblickeinheit eines Dinges bilden, so daß mit 
Recht jedes Ding eine Wesensbesonderung ist d. i. ein be¬ 
sonderes Ding heißt. Ganz anders, als um den Körper, steht 
es aber um das geistige Einzelwesen, dessen Wesen ja „Wissen“ 
1 Siehe Rehmke „ Logik“1, S. 446 u. ö., „Logik* s, S. 401 u. ö.
	        

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