Full text: Grundlegung der Ethik als Wissenschaft

Veränderung des anderen Bewußtseins als besonderem Zweck 
setzenden Wollens, sondern auch in dem Sinne, daß das liebende1 
Bewußtsein an Stelle des anderen, also stellvertretend für 
das andere Bewußtsein will. Es ist kein Zufall, daß der Ge¬ 
danke der Stellvertretung im Christentum, der Religion der 
Liebe2, eine so hervorragende Stellung einnimmt. Beides hat das 
Wollen aus Liebe2 in allen Fällen aufzuweisen: es ist selbst¬ 
loses und stellvertretendes Wollen zugleich. Beides findet 
sich immer zusammen, wenn ein Wollen aus Liebe2 gegeben 
ist; wer die Veränderung eines anderen Bewußtseins als beson¬ 
deren Zweck will, der tritt stellvertretend für das andere Be¬ 
wußtsein ein, und wer stellvertretend für ein anderes Bewußt¬ 
sein will, der will die Veränderung des anderen Bewußtseins 
als besonderen Zweck. 
Nun setzt dieses selbstlose und stellvertretende Wollen zwar 
immer zwei Bewußtseinswesen voraus, aber doch nur das eine 
als ein wollendes, während das andere nur schlechtweg als 
Bewußtseins wesen, das eben als Einzelwesen Veränderliches ist, 
in Betracht kommt, indem seine Veränderung den besonderen 
Zweck jenes wollenden Bewußtseins bedeutet. Das Wollen aus 
Liebe2 kommt also nicht auf Gegenseitigkeit, wie es z. B. 
beim Dingwirken sich in der Wechselwirkung zeigt, hinaus 
was ja auch schon bei dem Sichernswissen nicht der Fall ist. 
Ein Bewußtsein kann ja ein anderes lieben2, ohne daß auch 
dieses andere sich eins wüßte mit jenem. Aber wenn auch 
Gegenseitigkeit nicht notwendig mit dem Sich einswissen und 
mit dem Wollen aus Liebe2 vermacht ist, so ist es doch keines¬ 
wegs ausgeschlossen, daß beide Bewußtseinswesen miteinander 
sich eins wissen und als Liebende2 ein jedes eine Veränderung 
des anderen zum besonderen Zweck haben; immerhin haben 
wir es bei solcher Gegenseitigkeit aber mit von einander unab¬ 
hängigen Fällen der Liebe2 und des aus Liebe2 Wollens zu tun. 
Das Wollen aus Liebe2 aber wäre kein Wollen, wenn nicht das 
liebende2 Bewußtsein Unlust hätte und zwar Unlust an dem 
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