Full text: Grundlegung der Ethik als Wissenschaft

auf unsere Frage „was ist sittlich?“ würden so viel Antworten 
erfolgen müssen, als es besondere Einheiten von Bewußtseins¬ 
wesen gibt. Eine die Bewußtseinswesen überhaupt treffende 
Antwort würde aber ausbleiben müssen, weil es eine Einheit, 
sei es Herrschaft, sei es Gesellschaft oder Gemeinschaft, auch 
nur aller menschlichen Bewußtseinswesen nicht gibt. 
Das aus Liebe" Wollen eines menschlichen Bewußtseins zielt 
nun, wie wir wissen, auf das andere dabei in Frage kommende 
Bewußtsein, und was es aus Liebe2 will, das will es eben — 
Schranken bestehen dem Liebenden2 in keiner Beziehung — 
für das andere Bewußtsein, und zwar steht dieses „für“ da mit 
doppelter Bedeutung: 1. um seinetwillen und 2. an seiner 
Statt, indem die erste auf das Zweisein der in Rede stehen¬ 
den Bewußtseinswesen gestellt und in den Gegensatz „um meinet¬ 
willen — um seinetwillen“ gespannt ist, der von selbstischem 
und selbstlosem Wollen reden läßt, die zweite auf das Sich- 
einswissen des Wollenden mit dem anderen Bewußtsein ab¬ 
stellt. WTenn wir bei der ersten Bedeutung des „für das andere 
Bewußtsein wollen“ des Gegensatzes „selbstisch — selbstlos“ 
erwähnen, so sei darauf hingewiesen, daß wir in ihn gar kein 
Werturteil hineingelegt haben wollen, sondern daß selbstisches 
Wollen nur ein Wollen besagt, dessen besonderer Zweck eine 
Veränderung des wollenden Bewußtseins selbst ist, da¬ 
gegen das selbstlose Wollen ein Wollen bedeutet, dessen be¬ 
sonderer Zweck eine Veränderung des anderen Bewußtseins 
ist. Das Wort „selbstlos“, in diesem bestimmten Sinne von einem 
Wollen menschlichen Bewußtseins gebraucht, fühlt uns aber 
einzig und allein zu demjenigen Wollen, das wir das Wollen 
aus Liebe2 nennen, so daß wir mit dieser Bedeutung von 
selbstlosem WTollen zu der Gleichung stehen werden „selbstloses 
Wollen = Wollen aus Liebe2 und sittliches Wollen ein selbst¬ 
loses Wollen nennen dürfen. 
Indes das aus der Liebe2 Wollen ist ja nicht nur ein Wollen 
für das andere Bewußtsein im Sinne des selbstlosen d. i. die 
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