Full text: Grundlegung der Ethik als Wissenschaft

mehr, wie es z. B. in der Zeit der Romantik (es sei nur auf 
Schleiermacher hingewiesen) so stark getrieben wurde, ein be¬ 
sonders bedingtes Wissen zum Ausdruck gebracht wird. Dann 
ließe sich auch hoffen, daß andererseits auch nicht mehr vom 
Pflichtgefühl, anstatt vom Pflichtbewußtsein, nicht mehr 
vom „Gefühl“ der Verantwortlichkeit, vom „Gefühl“ der 
Schuld usf., anstatt vom Bewußtsein (Wissen) der Verant¬ 
wortlichkeit, vom Bewußtsein der Schuld usf. geredet wird; 
dasselbe gilt aber auch vom „Gefühl der Liebe“, 
Indes noch von einer anderen Seite wird man unsre Behaup¬ 
tung zu widerlegen suchen, indem man darauf hinweist, daß 
doch das liebende2 Bewußtsein mitfühle mit dem geliebten2 
Bewußtsein, sei es nun ein Lustfühlen, sei es ein Unlustfühlen. 
Daß das „Mitfühlen mit dem geliebten2 Bewußtsein im Wollen 
aus Liebe2 eine bedeutsame Rolle spiele, werden wir noch dar¬ 
legen. Aber allem Mitfühlen, sei es Lusthaben, sei es Unlust¬ 
haben, liegt das Selbstbewußtsein, das einSicheinswissen 
mit dem anderen Bewußtsein bedeutet, liegt also Liebe2 des 
mitfühlenden Bewußtseins zum anderen Bewußtsein zugrunde. 
Wenn ein Bewußtsein sich nicht einsweiß mit anderem Be¬ 
wußtsein, kann es nicht zum Mitfühlen mit diesem kommen, 
und es heißt in der Tat den Esel beim Schwanz aufzäumen, 
wenn man behauptet, Mitfühlen führe erst den menschlichen 
Geist zum Sicheinswissen mit dem anderen, dieses besondere 
Selbstbewußtsein habe mithin das Mitfühlen zur notwendigen 
Voraussetzung, und solches Mitfühlen werde dann eben durch 
das Wort „lieben“ zum Ausdruck gebracht. Stände es so mit 
dem Verhältnis von Mitfühlen und Sicheinswissen, dann 
ließe sich allerdings auch nichts dagegen sagen, daß Liebe2 ein 
Gefühl genannt wird, wie dies ja auch durchaus üblich ist; 
und wir würden auch gar nicht einen Wortstreit, ob „Liebe“ 
das „Mitfühlen“ oder das „Sicheinswissen“ bedeute, erheben. 
Aber in der Sache, behaupten wir, steht es eben umgekehrt, so 
daß das Mitfühlen zu seiner notwendigen Voraussetzung 
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