Full text: Grundlegung der Ethik als Wissenschaft

Bewußtsein kann sich nicht mit sich einswissen, sondern sich 
immer nur eines wissen, und wenn es sich und ein anderes 
Bewußtsein weiß, so kann es sich wohl einswissen mit diesem, 
niemals aber sich mit dem anderen Bewußtsein zusammen als 
eines wissen. 
Liegt die Selbstliebe ganz auf dem Gebiete der Liebe1, so 
das selbstlose Wollen ganz auf dem der Liebe2, insofern dieses 
Wollens „im Lichte der Lust stehende Veränderung“ ausnahms¬ 
los das andere Bewußtsein und nicht das Selbst („selbstlos“) 
des wollenden Bewußtseins betrifft. 
In dem bekannten Worte „Liebe deinen Nächsten wie dich 
selbst“ haben wir deutlich eine Vermischung von Liebe1 und 
Liebe2 vor uns. „Liebe deinen Nächsten “ meint zweifellos Liebe2, 
dagegegen „wie Du dich selbst liebst“ Liebe1, und so fordert 
dieses Wort Unmögliches, denn Liebe1 und Liebe2 lassen sich 
gar nicht vergleichen („wie“). Deutet man aber die Liebe in 
beiden Fällen wie „etwas als Lustquelle wissen“, so streitet 
jenes Wort offensichtlich gegen die Lehre dessen, dem es zu¬ 
geschrieben wird. Die Deutung aber, daß „Liebe“ in beiden 
Fällen Liebe2 sage, fällt ohne weiteres aus, da „Liebe2 zu 
sich selbst“ unmöglich ist, weil Liebe2 nicht nur ein, sondern 
wenigstens zwei Bewußtseinswesen voraussetzt und das Sich- 
selbstwissen nicht zwei Bewußtseinswesen benötigt, obwohl es 
Wissendes und Gewußtes bietet, denn im Selbstbewußtsein sind 
Wissendes und Gewußtes nicht zwei, sondern ein und dasselbe 
Einzelwesen. 
Aber so scharf auch Liebe1 undLiebe2 auseinanderzuhalten sind, 
so gilt doch von Liebe2 dasselbe, wie von Liebe1, daß auch sie 
nämlich nicht als „Gefühl“ anzusprechen ist. Gehörte etwa 
zu dem Sicheinswissen ein Gefühl des Sicheinswissenden, so 
müßte es ein bestimmtes Gefühl, entweder eine Lust oder eine 
Unlust sein, und dasselbe wäre zu fordern, wenn mit dem Sich¬ 
einswissen ein besonderes Gefühl zusammengehörte. Aber nur 
den letzten Fall brauchen wir überhaupt noch zu erwägen, 
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