Full text: Die nationalsozialistische Herrschaftsübernahme an der Saar

Einzelheiten könnten Sonderverhandlungen überlassen bleiben. Der deutsche 
Außenminister sah jedoch die Aussichten skeptisch und wollte die Rückgliederung, 
falls sich eine Verbindung mit der Reparationsfrage als unmöglich erweisen sollte, 
eher auf 1935 verschieben. In der Anlage zum Erlaß sowie in einem Rundschreiben 
des Auswärtigen Amts vom 16. 5. 19293 traten die wirtschaftlichen Fragen als 
Kernproblem der Rückgliederung hervor. Deshalb wurden dort wirtschaftliche 
Besprechungen vorgeschlagen. 
Das Mißtrauen Stresemanns in die französische Bereitschaft, das Saarproblem auf¬ 
zugreifen, wurde vom Botschafter in Paris, von Hoesch, bestätigt, der Briands 
Ansicht vom Pfandcharakter des Saargebiets darlegte, so daß mögliche deutsche 
Konzessionen „wenig zugkräftig“ sein könnten4. Stresemann berücksichtigte je¬ 
doch wohl ebenso Ermutigungen aus der saarländischen Öffentlichkeit5 
und die Ansicht seines Saarreferenten VLR Voigt6, wenn er weitere Pläne für 
Saarverhandlungen machte. Voigt ging davon aus, daß nationale und soziale 
Gründe zur Rückgliederung rieten. Wenn das Sonderregime an der Saar weiter 
bestünde, wüchsen die Gefahren für eine reibungslose Wiedereingliederung, nicht 
nur in wirtschaftlicher Hinsicht. Erlange das Saargebiet durch seine Sonderent¬ 
wicklung künstliche Bedeutung, werde es von Deutschland bei der Rückgliederung 
eine besonders rücksichtsvolle Behandlung fordern. Voigt wies ferner auf die 
bedeutenden Aufwendungen des Reichs für das Saargebiet seit 1920, denen keine 
Einnahmen entsprächen, während Frankreich ein glänzendes Geschäft im Saar¬ 
gebiet gemacht habe. Die rechtlichen Bedenken, die Frankreich gegen eine 
Änderung des Saarstatuts Vorbringen konnte, vermochte Voigt allerdings nicht 
vollständig auszuräumen. Er stellte daher den politischen Trumpf einer für 
Deutschland günstigen Abstimmung in den Vordergrund. Konzessionen an Frank¬ 
reich auf politischem Gebiet oder durch Grubenbeteüigung seien abzulehnen, 
wogegen Grubenrückkaufpreis, künftige Kohlelieferungen, französische Be¬ 
teiligung am Gewinn der Gruben und ein Zollübergangsregime bis 1935 deutsche 
Zugeständnisse sein könnten, so daß eine vorzeitige Rückgliederung nicht un¬ 
möglich scheine. 
Stresemann dagegen auf der Völkerbundsratstagung in Madrid im Juni 1929 und 
von Hoesch in Paris fanden Briand kaum bereit, die Saarfrage zu erörtern7. 
Britische Diplomaten hatten ebenfalls nicht die Absicht, die deutsche Saarinitiative 
zu unterstützen8. Von Hoesch versuchte daher lediglich, eine Zusage Briands für 
s Ebda. 
4 Bericht Hoeschs vom 28.5.1929: ebda. 
* Vgl. Rede Max Brauns auf dem SPD-Parteitag 1929, Protokoll, S. 21 lf. Ferner: Sehr, 
des Saarland. Zentrumsvorstandes v. 7.6.1929 an Stresemann, Telegr. der Handels¬ 
kammer Trier v. 21.6.1929: AA... betr. Rückgliederung, Bd. 1; Sehr, des Zentrums- 
Saar v. 13.6.1929 an den Reichskanzler: BA R 431/245, Bl. 373. 
6 Aufzeichnung v. 5.6.1929: AA Büro StS betr. Saarfrage, Bd. 3. 
7 Aufzeichnung einer Besprechung Stresemanns mit Briand am 11.6.1929: AA Büro RM 
betr. Saargebiet, Bd. 2; Telegramm des StS in der Reichskanzlei v. 12.6.1929: AA... 
betr. Rückgliederung, Bd. 1. Drahtbericht Hoeschs v. 11.6.1929: AA Büro RM betr. 
Saargebiet, Bd. 2; Drahtberichte Hoeschs v. 1., 11. und 31.7.1929 AA... betr. Rück¬ 
gliederung, Bd. 1 und 2. 
8 Drahtberichte des Botschafters in London v. 26.6., 5. und 8.7.1929: AA ... betr. Rück¬ 
gliederung, Bd. 1. 
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