Full text: Die nationalsozialistische Herrschaftsübernahme an der Saar

gierung es abgelehnt hatte, ihre Bürger als Abstimmungspolizisten anwerben zu 
lassen, nahm die deutsche Diplomatie auch in der Frage der Abstimmungspolizei 
eine positivere Haltung ein, erhoffte sich aber davon die Entlassung der reichs- 
deutschen Emigranten aus der Polizei der Regierungskommission. Der Grund 
für die veränderte Taktik geht teilweise aus dem Bericht des deutschen Ge¬ 
sandten in Bern vom 29. September 193432 mit ungünstigen Prognosen für die 
Saarfrage hervor. Barthous Vorstöße beeinflußten jedoch kaum die britische 
Politik33 und das Dreierkomitee. 
Anscheinend erst auf Entscheidung Hitlers hin ließ sich das Auswärtige Amt am 
20. Oktober 1934 auf Diskussionen über die Rückgliederung ein34. Die Voraus¬ 
setzung war, daß allein der Versailler Vertrag zugrunde liegen solle, in der 
Annahme, daß das Saargebiet rückgegliedert werde. Zugleich wurde abgelehnt, 
die Garantie vom 2. Juni auf die nichtabstimmungsberechtigten Saareinwohner 
auszudehnen, da eine Amnestie eine freiwillige deutsche Geste nach der Rück¬ 
gliederung sei. 
In der französischen Haltung zeichnete sich nach der Ermordung Barthous in 
Marseille eine Neuausrichtung ab, die sich mit einem Abstimmungssieg Deutsch¬ 
lands ohne Vorbedingungen abfand35. Da die Reichspresse erst am 3. Novem- 
ber auf Anweisung36 ihre Kampagne gegen angebliche Einmarschpläne Frank¬ 
reichs einstellte, wird hier die Verfälschung der französischen Politik durch 
die deutsche Propaganda nach den Bedürfnissen der eigenen Position ganz 
deutlich. Das Auswärtige Amt befürchtete eher Übergriffe reichsdeutscher SA 
und SS als einen französischen Einmarsch ins Saargebiet. Gestapo-Chef Himmler 
versprach deshalb die besondere Überwachung der Saargrenze, und Bürckel 
verbot im Abstand von 40 km von der Saargrenze jedes Auftreten von SA und 
SS in Uniform37. Die Folge der Demarche des deutschen Botschafters in Paris 
vom 7. November 1934 war, daß der französische Außenminister Lava! den Wil¬ 
len Frankreichs, Abstimmung und Rückgliederung nicht zu behindern, beson¬ 
ders bekräftigte38. 
Zu Verhandlungen mit dem Dreierkomitee wurde auch Bürckel, der sich mit 
Voigts v. 26.9. mündlich erledigt wurde, Rderl. des AA v. 22.9.34: AA... betr. 
Abstimmung., Bd. 13. 
32 DGFP, Serie C, Bd. 3, Nr. 227. 
33 Drahtbericht des Botschafters in London v. 18.10.34: AA ... betr. Abstimmung, Bd. 15. 
34 DGFP, C, Bd. 3, Nr. 260. Noch am 15.10. teilte Min.dir. Köpke dem Botschafter in 
Rom mit, daß alle Reichsressorts gegen Rückgliederungsverhandlungen seien, sprach 
aber davon, daß der Außenminister möglichst bald Hitler um Entscheidung bitten 
wolle (AA ... betr. Abstimmung, Bd. 15). 
35 Drahtbericht der Botschaft Paris v. 29.10.34: AA . .. betr. Abstimmung, Bd. 15; DGFP, 
C, Bd. 3, Nr. 283 S. 547; Verm. des VLR Frohwein v. 31.10.34: AA ... betr. Franz. 
Truppen, Bd. 12. 
30 Zur Presse vgl. Ausrichtungen vom Oktober, vom 1., 2. und 3. Nov. 1934: BA ZSg. 
102/1 sowie DGFP, C, Bd. 3, Nr. 290 S. 558f, Die Pressekampagne griff Gerüchte auf, 
wonach Präsident Knox sich um Truppen zur Aufrechterhaltung der Ruhe und Ord¬ 
nung im Saargebiet bemühte. Sie setzte dies in Parallele zur Anwesenheit französi¬ 
scher Truppen im Saargebiet nach 1920 und zur Rheinlandbesetzung und versuchte 
dadurch ganz bewußt Emotionen zu wecken. 
37 DGFP, C, Bd. 3, Nr. 294 S. 564 u. Nr. 297 S. 568 Anm. 5. 
38 Ebda., Nr. 297 S. 567ff., Nr. 307 S. 587ff. u. Nr. 320 S. 615ff. 
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