Full text: Parteien und Politik im Saargebiet unter dem Völkerbundsregime 1920 - 1935

Schritten der saarländischen Parteien in Genf immer stärker zutage trat. 
Die erste Sitzung des Landesrates am 19. Juli 1922 war nicht nur benutzt 
worden, um die demokratischen Rechte und eine Revision der Gesetzgebung 
der Regierungskommission zu fordern, sondern auch um ein durch Volks¬ 
wahl legitimiertes Treuebekenntnis zu Deutschland abzulegen. Die von 
Dariac gefürchtete Bedeutung des saarländischen Landesrates offenbarte 
sich damit bereits in der ersten Sitzung. Ein wesentliches Anliegen der Par¬ 
teien war die Vorbereitung des Plebiszits. Nach der Ratsdebatte von 1923 
und dem Rücktritt der Regierung Poincare strebten die politischen Parteien 
daher eine ernsthafte Revision des Versailler Vertrages an. Zum erstenmal 
zeigte sich das eindeutig in dem offenen Brief an Edouard Herriot vom 
2. Dezember 1924, der von den Fraktionsführern der Zentrumspartei 
(Levacher) und der Deutsch-Saarländischen Volkspartei (Schmelzer) unter¬ 
zeichnet war. Die Einleitung des Briefes lautete: 
„Herr Ministerpräsident! Dank der Politik der gegenwärtigen französlsdien Re¬ 
gierung, die getragen ist von dem Willen der Mehrheit des französischen Volkes, 
ist eine weitgehende, von der Saarbevölkerung längst herbeigesehnte Entspannung 
in den Beziehungen zwischen Deutschland und Frankreich eingetreten. Große Hoff¬ 
nungen für eine friedliche Entwicklung der Verhältnisse in Europa knüpfen sich 
an diese Tatsache. 
Natürlicherweise ist die Saarbevölkerung an dieser Entwicklung außerordentlich 
interessiert, da sie von jeder Störung der Beziehung der beiden Völker, welcher 
Art sie auch sein mag, zuerst betroffen und geschädigt wird. 
Es kann also für die Saarbevölkerung keine größere Lebensfrage geben als die 
Tatsache, daß wirklicher Friede zwischen den beiden großen Völkern besteht. Ein 
wirklicher Friede ist aber nur dann möglich, wenn die beiden Völker in der gegen¬ 
seitigen Achtung der Nationalität und in der Berücksichtigung beiderseitiger Inter¬ 
essen so weit gehen, daß sie alles vermeiden, was die nationale Eigenliebe des 
anderen Volkes oder seiner Angehörigen verletzten muß.“ 232 
Der erste Teil der eigentlichen Ausführungen beschäftigte sich dann mit der 
wirtschaftlich nicht einträglichen französischen Saarpolitik, die wie die 
übrige Politik der Regierungskommission (französische Schulen, Propaganda 
und Militär) nicht mit dem Geist der gegenwärtigen französischen Regie¬ 
rung übereinstimmten. Die weiteren Abschnitte verlangten über den bereits 
angelaufenen Abbau französischer Positionen hinaus, daß Eisenbahnen, Post 
und Telegraphie an die deutsche Reichsregierung verpachtet würden, da 
sie, wie die Defizite erwiesen, im gegenwärtigen Zustand unrentabel seien. 
Außerdem wandte man sich gegen die für den 10. Januar 1925 vorgesehene 
endgültige Eingliederung in das französische Zollsystem. Es wurden ge¬ 
wichtige wirtschaftliche Gründe für diese Forderungen aufgezählt, doch 
war wesentlich, daß man die Situation für gekommen hielt, eine Revision 
der Saarverhältnisse im Sinne einer Berücksichtigung der deutschen Natio¬ 
nalität der Bewohner erwarten zu dürfen. 
Diese direkte Wendung an einen französischen Staatsmann zur Revision 
der Saarpolitik war ein Einzelschritt in dem Gesamtbemühen der Saar¬ 
parteien zu dieser Zeit. Man wollte die hier angeklungenen Ziele doch auf 
232 S.L.Z. Nr. 324 v. 13. 12. 1924. 
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