Full text: Parteien und Politik im Saargebiet unter dem Völkerbundsregime 1920 - 1935

zureichen127. Die Delegation setzte sich aus führenden Vertretern der saar¬ 
ländischen Wirtschaft, der großen Parteien (Zentrum, Liberale Volkspartei 
und Sozialdemokratische Partei) und der Gewerkschaften zusammen128. 
Hier offenbarte sich erneut die Einheit der in den vergangenen Ereignissen 
entstandenen Front. Man brachte eine umfassende Denkschrift mit129, in 
der die verschiedenen Wirtschafts- und Industriekreise sich in Einzelgut¬ 
achten zu den Problemen der doppelten Währung geäußert und durchgängig 
gegen die Ausweitung des Umlaufs des französischen Geldes als Ruin der 
saarländischen Wirtschaft ausgesprochen hatten. Hier zeigte sich zum ersten¬ 
mal ein später immer wieder beschrittener Weg der Saarbevölkerung, durch 
möglichst eingehende und gründliche Gutachten von der sachlichen Berechti¬ 
gung ihrer Forderungen und Beschwerden zu überzeugen. Außerdem wollte 
man die fehlende parlamentarische Initiative durch die Befassung möglichst 
aller interessierter Körperschaften unpolitischen Charakters mit Fragen der 
Gesetzgebung ersetzen. Zunächst stieß diese Delegation auf Schwierigkeiten. 
Es war schon ein Problem, wie sie Zugang zu den Ratsmitgliedern gewinnen 
könne. Die persönlichen Beziehungen Hermann Röchlings zu dem Bruder 
von Lord Balfour ebneten diesem schließlich den Weg zu den Engländern 
Lord Balfour und Lord Robert Cecil130, während Waugh durch eine Emp¬ 
fehlung für Dr. von Vopelius diesem Zugang zum kanadischen Ratsmitglied 
ermöglichte131. Diese Delegation erregte Aufsehen und war für die politische 
Erfahrung der Saarländer von großer Bedeutung. Sie erkannten, daß das 
Interesse in Genf an eigentlichen Wirtschafts- und Verwaltungsfragen gering 
war, daß aber die politische Linie des Funktionierens eines solchen Systems 
große Aufmerksamkeit hervorrief132. Man verteilte deshalb an die Rats¬ 
mitglieder eine zweite Denkschrift stärker politischen Charakters133. 
Die Saarfrage war mit diesem Schritt vor die Weltöffentlichkeit getragen, 
und in den Klagen war das moralische Prestige des Völkerbundes berührt. 
Rault war froh, als er nach Genf berichten konnte, die Delegation stelle 
keine Vertretung der Saarbevölkerung dar, da sie nicht legitimiert sei und 
verschiedene Gewerkschaftsvertreter ein Protesttelegramm und dann ein 
Protestschreiben gegen diese „Pseudodelegation“ eingereicht hatten134. Ob¬ 
wohl die Delegation dadurch zunächst in ein gewisses Zwielicht geriet, muß 
sie doch als Auftakt zu einer raschen, entscheidenden und für Jahre prägen¬ 
den politischen Konzeption der saarländischen Parteien und als Ausgangs¬ 
punkt der Formierung des saarländischen politischen Lebens angesehen 
werden. Der Delegation folgten große Pressekampagnen und eine außer¬ 
ordentliche Aktivierung der Versammlungstätigkeit der politischen Par- 
127 S.D.N. Archives des Sections du Secretariat, Sect. Pol. Sarre, Nr. 57, Aktenstück 
Waugh. 
128 R ö c h 1 i n g, a. a. O., S. 70. 
129 Vgl. oben Anm. 24, S. 44. 
130 Röchling, a. a. O., S. 71. 
131 Vgl. oben Anm. 127. 
132 R ö c h 1 i n g, a. a. O., S. 70. 
133 S.D.N. Dokument C. 394. M. 278. 1921 I „Denkschrift über das Saargebiet“ der 
Delegation der Bewohner des Saargebiets. 
134 Ebenda, Dokumente: C. 410. M. 288. 1921 I und C. 412. M. 290. 1921 I. 
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