Full text: Parteien und Politik im Saargebiet unter dem Völkerbundsregime 1920 - 1935

richtige Einschätzung der Haltung der Saarbevölkerung, die eine solche 
Identifizierung als unmöglich ansah und von einer Regierung im Auftrag 
des Völkerbundes primär Schutz gegen eine französische Übermacht er¬ 
wartete. 
In dieser Frühphase entwickelte Rault den Regierungsstil, der ihm persön¬ 
lich lag. Er verhandelte selbständig mit den französischen Ministerien und 
mit den französischen Stellen an der Saar, ging mit Fleiß und Energie an 
seine Verwaltungsaufgabe, hielt im Generalsekretariat alle Fäden in der 
Hand und duldete kaum Widerspruch. Seine Berichte nach Genf75 zeigten 
ihn voll Schwung, Selbstbewußtsein und Eigensinn im Beharren auf seinen 
Grundthesen. 
Das Verhältnis der Regierungskommission zur Bevölkerung 
Die hier notwendigerweise nur kurz skizzierte politische Linie der Tätigkeit 
der Regierungskommission unter der Führung Raults stellte vor allem die 
Akzente jener umfassenden und großen Arbeit heraus, die von der Regie¬ 
rungskommission zu bewältigen war. Die Protokolle ihrer wöchentlichen 
Sitzungen erweisen, welch große Nöte es zu beseitigen und welche Aufgaben 
es zu lösen galt: Die Lebensmittelversorgung mußte gesichert, die Frage der 
Renten und Sozialversicherungen geklärt, ein geregeltes Steuer- und Finanz¬ 
system, das den neuen wirtschaftlichen Gegebenheiten Rechnung trug, auf¬ 
gebaut, Maßnahmen zur Behebung der Wohnungsnot und zur Bekämpfung 
der Tuberkulose mußten ergriffen, die Konsequenzen der doppelten Wäh¬ 
rung berücksichtigt werden. Aus den Protokollen geht auch hervor, daß die 
Regierungskommission ernsthaft an diese Probleme herantrat und bemüht 
war, die wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse möglichst vorteilhaft zu 
gestalten, also zum Wohle der Bevölkerung zu regieren76. Des weiteren 
erhellen die Niederschriften der Sitzungen der Regierungskommission, daß 
in Hinsicht auf diese Fragen dem Regierungsmitglied Hector eine positivere 
Beurteilung zukommt, als das im Saargebiet üblich war. Er trug sehr oft die 
saarländischen Gesichtspunkte und Wünsche vor und beurteilte die Situation 
anders als Rault. 
Im Verhältnis zur Bevölkerung hoffte nun Rault, daß eine gute Verwal¬ 
tungstätigkeit das Vertrauen der Bevölkerung gewinnen könne und daß sich 
auf dieser Linie eine Zusammenarbeit herausbilden werde. Seine Proklama¬ 
tion beim Amtsantritt der Regierungskommission enthielt den Satz, daß 
75 Die Berichte nach Genf wurden am Anfang von Rault allein ausgearbeitet. Später 
wurden die Teile, die von den einzelnen Ressorts geliefert worden waren, von ihm 
allein zusammengestellt und mit Schlußfolgerungen versehen. Seit der Ratssitzung 
im Juli 1923 wurden sie vor der Absendung den Mitgliedern der Reg.-Kom. vorgelegt 
und von diesen gebilligt. S.D.N. J.O. IV,8 (1923), S. 917, dazu auch S.D.N. Ardiives 
des Sect. du Secretariat, Sect. Pol. Sarre, Nr. 57, Aktenstück Waugh, Originalbrief 
Waughs vom 10. 1. 1921 an Gilchrist. 
76 S.D.N. J.O. 1,3 (1920), S. 100—106: Der erste Bericht Raults nach Genf betonte die 
Notwendigkeit umfassender Maßnahmen zum Wohl der Bevölkerung. Auch alle 
folgenden Berichte enthalten Kapitel, in denen die Maßnahmen zum Wohle der 
Bevölkerung besonders zusammengefaßt sind. 
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